DREAMBOOK

Buchbesprechungen – keine Verrisse …

25. Februar 2017
von Joerg Kilian
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Wenn der Nagekäfer zweimal klopft

Ein Summen in der Wiese … zum Nachdenken anregend

Insekten besitzen drei Paar Beine.
Richtige Blutgefäße haben sie keine,
uns während die Knochen sonst innen liegen,
liegt ihr Skelett außen, sie schwimmen und fliegen,
ihr dreiteil’ger Leib ist behaart oder kahl,
ihr Herz liegt hinten, für sie so normal,
wie dass sie Millionen von Eiern legen,
und atmen indem sie sich rhythmisch bewegen.
Die Fühler werden fürs Riechen gebraucht,
die Füße zum Schmecken ins Essen getaucht –
und wirklich erstaunlich, was ihnen so schmeckt:
Eine Blume oder ein anderes Insekt,
mal werden Mäntel und Holz benagt,
ein Teppich zerkaut oder Menschen geplagt …
Sie fressen, wobei sie selbst uns nicht verschonen,
und zählen ganz sicher hundert Trillionen!
Alles wird täglich von ihnen zersiebt,
ein Wunder, dass es die Welt noch gibt!

Ethel Jacobson, Die Welt der Insekten

Vor etwa einer halben Milliarde Jahren begann eine schleichende Revolution. Auf dem schlammigen Grund eines urzeitlichen Ozeans machte sich eine Gruppe ebenso seltsamer wie wunderbarer Kreaturen daran, die Welt zu erobern. …“ so beginnt das Kapitel „Insektenimperium“ des Buchs mit dem Originaltitel „A Buzz in the Meadow“.

Wenn der Nagekäfer zweimal klopft
Das geheime Leben der Insekten
Dave Goulson, Sabine Hübner – Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG (22. Februar 2016)
Gebunden, 320 Seiten, EUR 19,90
ISBN-13 978-3446447004

Diesem Buch merkt man an, dass der Autor nicht nur Spaß an seiner Forschung hat, sondern diesen Spaß – zusammen mit fundierter Information – auch bis in die kleinsten Details zu vermitteln weiß. Schon sein Hummelbuch „Und sie fliegt doch“, hat mich so sehr fasziniert, dass ich seitdem sehr viel wacheren Auges durch die Natur und vor allem Stadtnatur gehe.

„Hummelpapst“ Dave Goulson – von Kindesbeinen an Naturschützer und Verhaltensforscher – ist einer der weltweit versiertesten Insektenexperten. Der englische Professor für Biologie hat sein ganzes Leben dem Schutz der Insekten und der Wichtigkeit von Biodiversität gewidmet. Auf seinem Bauernhof in Frankreich renaturiert er ehemals landwirtschaftliche Flächen und schafft in seiner Freizeit insektenfreundliche Biotope.

„Ich habe Chez Nauche im Jahr 2003 gekauft … Das Haus wurde vor ungefährt 160 Jahren gebaut … durch die Nachlässigkeit des Vorbesitzers … wimmelt das Haus und die angrenzenden Gebäude von Leben. Viele – reagieren entsetzt, wenn sie eine Assel auf dem Teppich oder eine Ameise in der Küche entdecken. Von dieser Furcht sollte man sich in Chez Nauche schleunigst verabschieden, sonst ist ein Nervenzusammenbruch vorprogrammiert. Das Haus ist über die Jahrzehnte praktisch mit seiner Umgebung verschmolzen.“

Das von ihm gegründete „Bublebee Conservation Trust“ informiert und animiert Menschen in aller Welt zu Renaturierungsmaßnahmen, die helfen sollen, das Aussterben der bestäubenden Insekten zu verhindern. Beim begeisterten Verfassen von Newslettern für seine Sache entdeckte er seine Lust am Schreiben. So entstand „A Buzz in the Meadow“ – der Originaltitel dieses Buches.

Im Plauderton erzählt er in Episoden – die mit einem amüsanten kurzen Protokoll seiner morgendlichen Laufrunden in der Umgebung des französischen Bauernhofes beginnen – von dem uns meist unbekannten Verhalten so unterschiedlicher Spezies wie Schmetterlingen, Gottesanbeterinnen, gemeinen Schmeißfliegen, Wespen und Zweiflüglern – aber auch von Molchen, Treibhaus- und Wiesenblüten.

Der Autor nimmt uns mit auf eine Reise durch die unglaublich vielfältige Welt der Insekten, deren Entstehungsgeschichte und Klassifizierung, extreme Verhaltensformen wie sexuellen Kannibalismus aber auch Vererbungslehre: Gendrift und Selektion am Bespiel von Schmetterlingen und letztendlich das arterhaltende Zusammenwirken zwischen Pflanzen und Tieren.

Mit klaren Worten beschreibt er komplexe Zusammenhänge: „Der Vorteil der Metamorphose besteht darin, dass sie eine Arbeitsteilung zwischen den verschiedenen Stadien des Lebenszyklus ermöglicht. Der Körper der Larve wurde durch die Evolution immer weiter auf möglichst schnelles Wachstum hin optimiert, während er vollkommen andere Körperbau des adulten Tieres für die Paarung ausgelegt ist. …“

Mitunter hat man den Eindruck, dass die erzählerischen Abschweifungen endlos sind, jedoch gelingt es ihm nicht nur immer wieder den roten Faden zu finden, sondern dem Leser erschließt sich nach und nach, was dem Autor mit diesem Buch am meisten am Herzen liegt: nämlich uns die Augen zu öffnen, für die allumfassenden Zusammenhänge in der uns umgebenden Natur.

Dies besonders in den letzten Kapiteln des Buches, die auf mich wie ein erschreckender Mahnruf wirken und sich vom Rest des Buches grundlegend unterscheiden. Zuerst wollte ich das Buch weglegen, so sehr war ich geschockt. Jedoch ist es wichtig zu begreifen, dass der Mensch das effektivste Raubtier auf unserem Planeten ist und seit Zigtausenden von Jahren andere Spezies verdrängt und ausrottet.

„Viele unsere Legend erzählen von Drachen und Ungeheuern, Elfen, Kobolden und Trollen. Das sind keine Mythen – wir haben wirklich mal in einer Welt gelebt, die voll solcher Wunderwesen war. Was ist all diesen Kreaturen widerfahren? Warum sind sie alle in einem relativ kurzem Zeitraum ausgestorben? Die Antwort lautet mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, dass wir sie getötet und aufgegessen haben. Unsere 80000 Jahre währende Reise war eine einzige kulinarische Odyssee.“

Nur kann der Mensch nicht ohne den Menschen – und schon gar nicht ohne die Natur und die anderen darin lebenden Spezies existieren. Das beginnt bei Pflanzen, Algen, Bakterien und Mikroben und hört bei Wirbellosen und Insekten auf. Vielfach hingewiesen wurde auch von anderen bereits auf das Bienensterben und die damit verbundenen Gefahren für die Landwirtschaft, wie wir sie heute kennen.

„Ich behaupte keine Sekunde lang, dass Neonicotinoide für Bienen, Hummeln oder andere wild lebende Tiere heutzutage das einzige Problem darstellen. Der Rückgang der Bienen ist zweifellos eine Mischung aus verschiedenen Faktoren, vermutlich gehören dazu Seuchen, die Varroa-Milbe (im Fall der Honigbienen), der Mangel an Blüten, die abwechslungsarme Ernährung und schließlich die Auswirkungen verschiedener Pestizide – ein folgenschwerer Faktor von Stressfaktoren.“

Man sollte den Beteuerungen des Marketings nicht auf den Leim gehen, zu glauben, dass Gentechnik, Chemie und Pharma immer wieder verträgliche Lösungen bereitstellen werden, denn bisher haben alle Effizienzmaßnahmen der Agrar- und Nahrungsmittelindustrie nur dazu geführt, dass immer prekärere Verhältnisse entstanden. Biodiversität – die Vielfalt von Arten und Lebensräumen – in Kombination mit integriertem Pflanzenschutz ist der einzig nachhaltige Weg.

Obwohl das Buch gänzlich ohne Bilder auskommt, meine ich, dass es mit seinem lockeren Erzählstil auch für Jugendliche geeignet ist. Es wird einerseits Vielfalt und Komplexität vermittelt, andererseits aber auch Mut gemacht „die Welt zu retten“. Einige längliche Passagen mit Studien habe ich überblättert. An einigen Stellen schienen mir – übrigens auch im englischsprachigen Original – technische Beschreibungen nicht nachvollziehbar genug. Trotz dieser kleinen Mängel hat das Buch einen festen Platz in meinem Regal gefunden.

20. Dezember 2016
von Joerg Kilian
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Erzählende Bilder

Zen des Daumenkinos

Es als „Büchlein im Postkartenformat“ zu bezeichnen, trifft nicht ganz den Kern. Dieser schneeweisse, bibliophile Ziegelstein wiegt fast ein ganzes Pfund (482g) und ist mit seinen mehr als 500 Illustrationen nicht minder inhaltsschwer. Das Layout ist liebe- und sinnvoll zurückhaltend gestaltet und gibt den einzelnen Bildern den erforderlichen Raum zum Atmen. Bereits die von Luc Sante sehr gut geschriebene und von Stefan Kleiner nicht minder gut übersetzte Einleitung gibt einen guten Vorgeschmack auf das, was einen auf den folgenden Seiten erwartet: ein Meisterwerk des grafischen Storytelling – angesiedelt irgendwo zwischen Cartoon, Comic-Strip und Droodle. Minimalistische Strichzeichnungen, die kleine Geschichten erzählen. Mich erinnern sie unmittelbar an den deutschen Klassiker „Vater und Sohn“ von Erich Ohser alias e.o.plauen.

Erzählende Bilder
Sequenzielle Zeichnungen aus dem NEW YORKER
Richard McGuire
aus dem Englischen von Stefan Kleiner
DuMont, 2016
gebundene Ausgabe, 584 Seiten
10,3 x 4,3 x 15,5 cm
EUR 25,-

Urspung dieser gezeichneten Geschichten sind sogenannte Vignetten, die Richard McGuire (RMG) seit vielen Jahren in der Zeitschrift NEW YORKER exzellent ausführt. Vignetten sind grafische, dekorative oder illustrative Elemente, die aus den analogen Zeiten des Journalismus stammen und am Rande, zwischendurch oder am Ende eines Artikels die Rolle eines Auflockerers oder Lückenfüllers spielten. Heute haben sie sich zu einer seltenen Kunstform entwickelt.
Die genialistische Reduktion des Dargestellen auf das Wesentliche lässt Grafiker und Zeichner vor Neid erblassen; hier ist ein Meister am Werk. Puristisch und voller Andeutungen und magischer Vibration im Weißraum, zwischen den einzelnen Strichen. Illustrationen und Logos aus Linien gleicher Stärke, sogenannte Monolines sind derzeit en vogue.

Manche der Geschichten kommen direkt aus dem Alltag mit seinen grotesken Situationen. Sie erinnern an die Standbilder eines Daumenkino. Andere sind konzeptionelles Kopfkino und in sich so stimmig und abgeschlossen, dass sie ohne den umgebenden Kontext auskommen und einen ganz besonderen Augenblick wiedergeben. Meine Lieblinge sind die Stilleben und „plauderhaften Gegenstände“, „Auf dem Tisch“, „Vogelkäfige“ und „Oben ist es laut“. Die Geschichten „Last“ und „Geburt“ am Ende des Buches überraschen durch einen Stilwechsel: Die erste in Grautönen mit räumlich dargestellten Objekten, die zweite in einer Mischung aus Grautönen und Strichillustration. Beide sehr gelungen!

Wenn Sie jemandem mit grafischem Gespür und feinsinnigem Humor eine Freude machen wollen, könnte dies Buch das richtige Mitbringsel sein.

12. Dezember 2016
von Joerg Kilian
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Ein Monat auf dem Land

Ein sommerheller Lichtblick in der dunklen Jahreszeit

Bücher kommen nie zufällig zu mir. Dieser Roman wurde mir kurz vor einem längeren Aufenthalt in China zugespielt. Zuerst zögerte ich das Buch mitzunehmen, weil ich gern immer Lektüre dabei habe, die eine – wie auch immer geartete – Beziehung zu dem Ort hat, an dem ich mich befinde. Im Skiurlaub lese ich beispielsweise gern über historische und oft tragische Polarexpeditionen.

Ein Monat auf dem Land
von J. L. Carr
ins Deutsche von Monika Köpfer
DuMont, 2016
Gebunden, 208 Seiten
ISBN 978-3832165185
Originaltitel: A Month in the Country
9 x 1,7 x 14,4 cm
EUR 12,-

Was sollte also ein auf der britischen Insel spielender Landroman mit Ostasien zu tun haben? Um so überraschter war ich, den Protagonisten der Erzählung vor fast hundert Jahren in einer ähnlichen Situation zu finden wie ich heute: Auftragsarbeit fern der Heimat, einfache Unterbringung, keine Freunde und Bekannte, nur neue Menschen und Umstände. Ein kreativer Handwerker, der seine Arbeit liebt und kontempliert und sich im überreifen und ausklingenden Sommer sehr nach einer Frau sehnt und sich verliebt, während zu Hause eine unstete Ehefrau auf ihn wartet … oder auch nicht.

Dem Autor gelingt es, mit einer sehr persönlichen Sprache die verzauberten Momente im Leben des dem Inferno des Ersten Weltkrieg entronnenen 20-jährigen Bildrestaurators zu schildern. Aus der Erzählerperspektive haben wir Teil an einer Zeit die ach – längst passé, aber immer noch in unseren Erinnerungen weiterlebt. „Von der Vergangenheit möbliert, luftdicht, reglos, gleich längst vertrockneter Tinte in einem vor langer Zeit niedergelegten Füllfederhalter.“

Eine großartige Übersetzung ins Deutsche. Allerdings hätte ich das Buch auch gern im englischen Original gelesen. Statt einer umfassenden Rezension möchte ich mich lieber auf ein paar Zitate beschränken, die typische Sprache und Stimmungen aus dem Buch wiedergeben…

„Ihr Hals war bis zum Ansatz ihres Busens unbedeckt, und ich fühlte mich augenblicklich an ein Botticelli-Gemälde erinnert – nicht an die „Venus“, sondern an die „Primavera“. Teils lag es an ihrem wunderschönen ovalen Gesicht, teils an ihrer grazilen Art, daran, wie sie dastand. Ich hatte genügend Gemälde in meinem Leben gesehen, um wahre Schönheit zu erkennen, aber niemals hätte ich damit gerechnet, ihr an diesem abgelegenen Ort zu begegnen.“

„Aber zum Glück war das hier nicht Bagdad, und er konnte sie nicht dazu zwingen, ihr Gesicht in einem Schleier zu verhüllen, sodass andere Männer wenigstens noch bewundernde Blicke auf seinen rehäugige Angetraute werfen konnten.“

„Hier, nehmen Sie.“ Sie reichte mir eine Blüte … Diese Rose, Sara van Fleet … Ich habe sie noch immer. Zwischen zwei Buchseiten gepresst. … Eines Tages, auf einem Flohmarkt, wir ein Fremder sie finden und sich über sie wundern.“

“ Der Mond war aufgegangen, eine leichte Brise ließ die Schatten der Bäume auf dem Gerstenfeld erzittern, das weiß wie ein See dalag.“

„Danach zogen die meisten Männer ihre Jacken aus und enthüllten ihre Hosenträger sowie die daran befestigten elastischen Schlaufen ihrer wollenen Unterhosen, und sie verblüfften ihre Kinder, weil sie herumalberten wie große Jungen. Die verliebten Pärchen sonderten sich ab, die Frauen saßen im Gras und plauderten ausgiebig. Und so verging mit Essen, Trinken, Dösen, Sich-Lieben der Tag, bis am Abend die Pferde von ihrer Weide geholt und wieder eingespannt wurden. Dann, als der erste Stern am Firmament erschien und Schwalben über dem Farngestrüpp kreuz und quer hin und her schossen, holperte unser Wagen wieder gemächlich von der Hochebene … ins Tal hinab …“

„Die Vorgärten der Cottages quollen über vor Majoran und Rosen, Margeriten und Bartnelken, und nachts verströmten die Levkojen ihren betörenden Duft. Das in Grün getauchte Tal lag morgens reglos da, die flimmernde Mittagshitze dämpfte das Rattern der gen Norden und Süden fahrenden Züge, während sich kleine Schattenpfützen unter den Bäumen sammelten.“

„Bevor ich mich schlafen legte, trat ich nochmals ans Fenster. Und tatsächlich – der erste Herbsthauch lag in der Luft, ein Gefühl der Verschwendung, des Sehnens, Nehmens und des Bewahrenwollens, bevor es zu spät ist.“

Die Lektüre des Büchleins kann man wunderbar auf einer dreistündigen Bahn- oder Flugreise schaffen. Ich habe mir jedoch mehr Zeit gelassen, und es in mehreren Etappen um so genussvoller gelesen.

16. April 2016
von Joerg Kilian
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Wo Elfen noch helfen

Liebeserklärung an ein Märchenland

Zuerst einmal ist das Buch eine Hymne auf Island – außerdem Psychogramm, Sozialstudie, Reisereportage und Kulturführer in Einem. Mit der Autorin verbindet mich der gleiche Stadtteil in Hamburg und die Faszination für den kleinen nordischen Inselstaat. Sie überzeugt durch intime Kennerschaft und glühende Leidenschaft. Gut geschrieben, mit streckenweise poetischem Wortwitz und vergleichsweise wenigen seichten Stellen oder Längen. Die Schrift ist gut lesbar, das Papier angenehm in der Haptik. Ein leichter Lesegenuss für jede Tages- und Jahreszeit. Ich habe die Lektüre übrigens zu einer Zeit begonnen, die genau mit den beiden Besuchsantritten der Autorin zusammenfällt: Anfang April…

Wo Elfen noch helfen
Warum man Island einfach lieben muss
von Andrea Walter
Diederichs, München 2011
Broschiert, 208 Seiten
ISBN 978-3424350654
EUR 14,99

Die Insel aus Eis und Feuer ist ein Land der Extreme und Extremisten. Die Isländer sagen von sich, dass sie immer den ganzen Weg gehen. Sie sind – mitunter gesellige – Eigenbrödler, die davon überzeugt sind, dass sich die Welt um ihre Insel dreht. Den Mittelpunkt der Erde hat ja bereits Jules Verne unter Island verortet – und solange man selbst daran glaubt, ist es wahr! Über Jahrhunderte haben sie eine kulturelle Eigenständigkeit entwickelt, die in Europa ihresgleichen sucht. Dies fasziniert möglicherweise gerade die Deutschen am meisten, weil Island so vieles hat, was hier verloren gegangen zu sein scheint. Unter anderem das Gottvertrauen und die Gelassenheit.

Man erfährt in dem Buch, warum man sich bei abendlichen Exzessen wortlos davon schleicht, wenn man nicht mehr kann und warum auch am nächsten Tag keine Nachbesprechungen hierzu stattfinden. Warum Regenschirme und zweiradgetriebene Fahrzeuge keine Daseinberechtigung haben und was Matthias Rust und Carlos der Schakal gemeinsam haben. Warum die Isländer eine niedrige Sparquote haben und angstfrei aus dem Vollen schöpfen. Man findet weiter heraus, was nordische Sagen mit Paartherapie zu tun haben und warum Isländer schrullige Museen gründen. Weiter, dass Island die meisten Literaturnobelpreisträger pro Kopf hat – was nicht verwundert, wenn fast jeder Isländer schon mal ein Gedicht oder eine Geschichte veröffentlicht hat.

Ausflüge über die Insel führen die Autorin zu wahren Naturwundern und sagenhaften Landschaften in denen der Zauber von Elfen und Gnome lebendig zu werden scheint. Sie besucht einem Garten Eden und beheizte Meeresbuchten. Sie kommuniziert in heißen Pötten – dem isländischen Pendant zur Sauna – und findet heraus, warum Krimis auf Island ein relativ junges Genre sind und wie die Gefängnisse auf einer Insel funktionieren, wo sich alle Bewohner duzen und die Demokratie vor Jahrhunderten erfunden wurde – unabhängig von den Griechen.

Der sehr gewöhnungsbedürftigen ur-isländischen Gastronomie ist ein eigenes Kapitel gewidmet.
Abgerundet wird das Buch durch Erlebnisse bei Interviews isländischer Promis, wie der ersten weiblichen Präsidentin eines europäischen Landes und dem aktuellen Bürgermeister der Hauptstadt, der bekennender Anarchist, landesweit bekannter Komiker und Begründer der Spaßpartei ist.

Der zweite Teil des Buches beschreibt ihre Rückkehr auf die Insel im vergangenen April, Jahre nach der schweren Wirtschaftskrise von 2008. Ob ihr Island noch wieder zu erkennen ist? Als die Finanzblase noch wuchs, brachte ein Isländer den Wahnsinn auf den Punkt: „Früher haben sich die Mädchen für deine Musik interessiert. Heute wollen sie wissen, ob man einen Privatjet hat.“ Tiefschürfende Erkenntnis nach der Krise: „Geld macht einen Affen aus Menschen.“ Die Autorin schließt das Buch mit der beruhigenden Feststellung: „Island ist immer noch ein Märchenland“

25. Februar 2016
von Joerg Kilian
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Der Erzählinstinkt

Ende gut, alles gut …

Den Fernseher ausschalten, am Lagerfeuer sitzen, Kindheitserinnerungen: „Erzählen ist die wichtigste Form menschlichen Denkens“ behauptet Werner Siefer, Diplom-Biologe und Autor des Bestsellers: „Ich, Wie wir uns selbst erfinden“ in seinem neuen Buch: „Der Erzählinstinkt – Warum das Gehirn in Geschichten denkt“.

Der Erzählinstinkt
Warum das Gehirn in Geschichten denkt
von Werner Siefer
Carl Hanser Verlag, 2015
Gebunden, 250 Seiten
ISBN 978-3446444737
13,4 x 2,7 x 21,2 cm

Intentionalität unterscheidet uns vom Affen – das Erkennen von Absicht, der Gebrauch von Gesten und Symbolen ist der Schlüssel menschlicher Kommunikation und entwickelt sich bereits bei Kleinkinden. Mit Hilfe von Studien der Entwicklungs-, Verhaltens- und Hirnforschung erläutert Werner Siefer in den ersten Kapiteln des Buches sehr anschaulich und gründlich, wie der Mensch zum Erzähler, zum „Homo Narrens“ wurde.

Sprache und Werkzeuge sind die Grundlagen für das soziale Miteinander und das Entstehen von Kultur schlechthin. Der Mensch braucht die Gruppe zum Überleben. Die Gruppe braucht den gemeinsamen kulturellen Hintergrund und der ensteht durch Geschichten, die für die Gesellschaft wie ein sozialer Kompass wirken. Die Hopi-Indianer sagen: „Der die Geschichte erzählt, regiert die Welt.“

Geschichten wirken nicht nicht nur beziehungsfördernd und agressionshemmend auf die Individuen einer Gruppe, sondern befriedigen das urmenschliche Bedürfnis nach „poetischer Gerechtigkeit“, die sich sehr schön in Hollywoods Happy Endings zeigt, genauso wie in der lustvollen Lektüre von Dramen und Romanen die unsere Sozialkompetenz schärfen und unser Empathievermögen steigern.

Im mittleren Teil des Buches geht es um die Strukturen und Wirkweisen von Erzählungen: Wie eine gute Dramaturgie unsere Aufmerksamkeit lenkt und das Chaos unserer Wahrnehmung ordnet. Ein wichtiges Mittel hierbei ist das Herausarbeiten des „Besonderen im Gewöhnlichen“. Geschichten bedürfen der Interpretation und können unterschiedliche Wahrheitsebenen enthalten: „Fiktion ist zweimal so wahr wie Realität.“

Das autobiografisches Denken bedarf der Worte. Nur worüber man spricht oder schreibt, bleibt im Gedächtnis haften. Erinnerungs- und Klärungsgespräche in der Familie und unter Freunden lassen einen das eigene Tun ins rechte Licht rücken. Life-Scripte leben von der narrativen Flexibilität. Hierbei gibt es kulturell bedingt unterschiedliche Formate und Konventionen.

Eine besondere Kategorie hierbei sind die „Meistererzählungen“, der Stoff aus dem die Träume sind: Erlösungsdramen und Heldenepen, von Jesus Christus bis John Wayne. Vor allem haben autobiografische Inhalte eine medizinische erwiesene Heilkraft: sich den Schmerz von der Seele schreiben, durch die richtigen Worte die eigene Handlungsmacht wiederentdecken. Erzählen bedeutet Bewegung, Entwicklung und Veränderung: „re-story yourself!“

Am Ende des Buches schlägt Werner Siefer noch einmal den ganz großen Bogen und regt unsere Visionen an, wenn er die derzeitigen Krisen unserer Welt als große Chance nimmt, die nationalen und internationalen Geschichten neu zu erzählen, und unerwarteten Wendungen zuzuführen. Dabei hegt er für Europa große Hoffnungen.

Dieses Buch habe ich gern gelesen, streckenweise verschlungen, an manchen Stellen auch einzelne Studien überblättert, jedoch immer wieder augenöffnende und überraschende „Goldkörner“ gefunden. Die Worte sind gut gewählt, die Sätze gut gebaut, die Schrift ist gut lesbar und das Papier fühlt sich gut an. Lesebändchen vermisse ich auch in gebundenen Exemplaren immer häufiger …

Jeder, der Bücher, Geschichten und Märchen liebt und sich näher mit dem Wieso und Warum des Storytelling auseinandersetzen möchte, sollte dieses Buch aufschlagen. Vor allem geeignet für alle, die selbst etwas zu berichten und zu erzählen haben, die ihr Leben in Geschichten bringen, die Autobiografisches verarbeiten wollen. Aber auch Drehbuchautoren, Gesellschaftswissenschaftler und visionäre Politiker finden hier anregende geistige Nahrung.

22. September 2014
von Joerg Kilian
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Und sie fliegt doch

Der Hummel so nah …

Es macht einen großen Unterschied, ob man einen wissenschaftlichen Fachautor vor sich hat, der sein Themengebiet zwar gut recherchiert, es aber nicht zu verstehen weiß, den entscheidenden Schuß Herzblut in seine Texte zu geben, der das Lesen so vergnüglich macht – oder ob man, wie in diesem Fall das Glück hat, jemanden zu lesen, der wirklich schreiben kann und will, weil er alles bis in alle Einzelheiten selbst erforscht und erlebt hat.

Und sie fliegt doch
Eine kurze Geschichte der Hummel
Dave Goulson
ins Deutsche von Sabine Hübner
Carl Hanser Verlag, 2014
Gebunden, 320 Seiten, EUR 19,90
ISBN 978-3446440395

Dave Goulson ist d e r Hummelforscher und -schützer Englands und sieht sich durchaus als wissenschaftlicher Abkömmling von Charles Darwin, auf den er häufig Bezug nimmt. Das Buch ist für Einsteiger ebenso wie für versierte Insektenkundler ein wahrer Schatz. Sprachlich sehr ausgereift, dabei persönlich bis plauderhaft – ohne mit seinen Schilderungen und Exkursen jedoch jemals zu langweilen.

„Der ohrenbetäubende Gesang, mit dem die Männchen der grünen Heupferdchen ihre künftige Partnerin beeindrucken wollen, tönt endlos durch die warmen Sommertage. Auf dem Boden vor ihren Wohnröhren sitzen rundliche schwarze Feldgrillen, deren melodisches Zirpen vom schrillen Gesang der Heupferdchen übertönt wird. Mit ihren riesigen übergroßen Köpfen sehen die Feldgrillen aus wie Comicfiguren.“

Dieses Buch hätte ich gern zuerst auf Englisch gelesen. Sabine Hübner ist die Übersetzung ins Deutsche sehr gut gelungen, doch das Original mit seinen Wortspielen ist unübertroffen. Die Schrift des 320 Seiten – noch handlich zu nennenden Werks – ist gut lesbar auf naturweißem Papier gedruckt. Der Schutzumschlag wird von zwölf puscheligen Hummeln geschmückt. Der Titel „Und sie fliegt doch“ macht neugierig, der Untertitel „Eine kurze Geschichte der Hummel“ ist bestes britisches Understatement.

Der Autor hat sich von Kindesbeinen an mit dem Studium der Insekten beschäftigt. Bei der Lektüre der ersten Kapitel kann man sich richtig vorstellen, wie er mit Botanisiertrommel und Käschernetz durch Wald und Flur zieht, immer auf der Suche nach neuen Entdeckungen. Dieser frische Forschergeist durchzieht das ganze Werk. Der Autor überzeugt durch riesiges Erfahrungswissen und kritische Sachkenntnis, macht jedoch keinen Hehl daraus, für wessen Sache er sich einsetzt…

Hummeln sind die wohl wundersamsten der staatenbildenden Insekten, denen man hierzuland begegnet. Angefangen vom rituellen Paarungsverhalten über den Nestbau und die Aufzucht der Larven, bis hin zu ausgeklügelter Nahrungssuche, Unterwanderungs- und Verteidigungsstrategien – der Autor weiß zu allen Aspekten authentisches Material beizusteuern. Genauso wie man Konrad Lorenz als Gänsevater erinnert, wird Dave Goulson sicherlich als Mr. Bumblebee in die Geschichte eingehen.

Nicht erst seit dem Dokumentarfilm „Not Just Honey“, der seit einiger Zeit in unseren Kinos gezeigt wird, ist die Öffentlichkeit für das prekäre Thema Bienen sensibilisiert. Nur wenige wissen jedoch, dass Hummeln für viele Wild- und Nutzpflanzen eine entscheidende Bedeutung als Bestäuber zukommen. Beispielsweise wurde die Tomatenzucht durch den Einsatz von Hummelvölkern vor einigen Jahrzehnten revolutioniert. Dies wiederum führte zu unkontrollierter Zucht und Export von Hummeln, die in einigen Regionen bereits heimische Arten gefährden.

Das empfindliche Gleichgewicht der Natur, die gegenseitige Abhängigkeit der Hummeln von den Blüten, auf die sie sich spezialisiert haben, wird an Beispielen aus unterschiedlichsten Forschungsvorhaben und Beobachtungen aus aller Welt deutlich gemacht. Der Leser erfährt so auf eindringliche Weise von den Kettenreaktionen, die ausgelöst werden, wenn bestimmte Teile von Nahrungs- und Nutzungskreisläufen sich verändern oder ganz entfallen.

Goulson widmet sich in seinem Buch den Fragen nach der Wiedereinführung von bereits regional ausgewanderter bzw. ausgestorbener Spezies, seien es Insekten, seien es Pflanzen. Und er hat jede Menge Antworten parat. Nicht nur theoretischer Natur, sondern ganz praktische Hinweise, wie wir alle zum Gelingen beitragen können. Ein ganzes Kapitel widmet er der lebhaften Schilderung der streckenweise chaotischen verlaufenen Gründung – seines inzwischen sehr erfolgreichen – Bumblebee Conservation Trust, einer Stiftung die Hummeln schützt und unterstützt.

Vor einigen Jahren hat der Autor einen alten Bauernhof in der Frankreich erworben, um sich dort einen Traum zu erfüllen: Der nachhaltigen Verwandlung einer bisher total überdüngten landwirtschaftlich genutzten Grünfläche, in eine von bezaubernder Artenvielfalt wimmelnden Blumenwiese. So enthüllt er neben seinem Bestreben um Biodiversität auch ein ganz egoistisches Motiv: „Nirgendwo sitzt man an einem Sommertag so schön wie in einer Wiese … Näher kann man dem Himmel auf Erden eigentlich kaum kommen …“

14. September 2014
von Joerg Kilian
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Bund fürs Leben

Du bist was du ißt?

oder „Wer bin ich und wenn ja wie viele?“ Solche Sprüche kommen einem in den Sinn wenn man dieses Buch liest. Sie sind überall dabei: beim Essen, auf Klo, wenn wir schlafen und wenn wir Sex haben. Ohne sie, wäre weder das Eine noch das Andere denkbar. Sie bestimmen über unsere Verdauung, unsere Launen, unsere Fitness und sogar unsere Partnerwahl – die Bakterien.

Bund fürs Leben
Warum Bakterien unsere Freunde sind
von Hanno Charisius und Richard Friebe
Carl Hanser Verlag, 2014
Gebunden, 319 Seiten
ISBN 978-3446438798
15 x 3 x 22,1 cm

Hanno Charisius und Richard Friebe – die zuvor gemeinsam ein Buch über Bio-Hacking herausgebracht haben – wissen Erstaunliches über die Welt der Mikroben zu berichten. Bakterien, Pilze und Viren sind seit Millionen von Jahren unsere Freunde und Wegbegleiter und regulieren – nein regieren die Welt! Ohne sie gäbe es Leben, so wie wir es kennen nicht.

Das Buch hat mich von der Einleitung an fasziniert. Die beiden Wissenschaftsjournalisten geben einen sehr umfangreichen und genauen Überblick über den Stand der Mikrobenforschung. Und sie haben ein klares Anliegen: die Wirkprinzipien in den Mikro-Biomen in unseren Körpern und unserer Umgebung verständlicher zu machen, mit Vorurteilen zu Hygiene und Gesundheitskult aufzuräumen und dabei auch die eine oder andere vermeindliche Tabuzone zu berühren.

Nach einer Einführung zur Entwicklungsgeschichte der Mikroorganismen geht es auf einer Reise durch den menschlichen Körper, wobei dem Darm mit seinen Abermillionen Bakterien viel Aufmerksamkeit gewidmet wird. Denn unser Verdauungssystem scheint die wichtigste Schaltstelle für unser Wohlbefinden und unsere Gesundheit zu sein.

Die beiden Journalisten haben umfangreiche Recherchen auf diesem Wissensgebiet angestellt, Studien herangezogen, wissenschaftliche Diskurse beleuchtet und Hintergründe zur Medizingeschichte interessant dargestellt.

Die Themenbereiche spannen von Antibiotika und Resistenzen über Autoimmunkrankheiten und Krebs. Besondere Aufmerksamkeit wird Themen wie Übergewichtigkeit und Ernährungsstörungen gewidmet, die stark im Zusammenhang mit Bakterien gesehen werden.

So lernt man erfährt den Unterschied zwischen probiotisch und präbiotisch und wie die Bakterien und deren Produkte im Stoffwechselsystem interdependent wirken. Der Leser erfährt etwas über Bakterien-Kuren bis hin zur Fäkaltherapie – dem scheinbar unerschöpflichen Lieblingsthema der Autoren.

Nach Ansicht der Autoren werden mikrobenbasierte Behandlungsmethoden „The Next Big Thing“ der Gesundheitsindustrie sein. Ein ganzes Kapitel ist der „Geldmaschine“ gewidmet. Hier werden wichtige Fragen zu Wirksamkeit und Effizienz aktueller mikrobieller Behandlungsmethoden gestellt.

Die Sprache ist meist klar und deutlich und wecken das Interesse des Lesers. Der populärwissenschaftliche Jargon ist leicht verdaulich und gebiert mitunter lustige Wortschöpfungen die sich in Titeln und Schlagworten niederschlagen. Und lädt zum Schmunzeln ein. Manches Mal ist er jedoch ein wenig anbiedernd, wenn hinkende Vergleiche mit Promis herhalten müssen, um das Verhalten von Mikroben zu schildern. Auch gibt es ellenlange Sätze, die nicht sein müssten:

„Wenn ganze Bevölkerungen, die traditionell viele durch Bakterien fermentierte Lebensmittel zu sich nehmen, gesundheitlich im Durchschnitt und bezüglich spezifischer Krankheiten besser dastehen als Bevölkerungsgruppen, die das nicht tun – und wenn dann noch versucht wird, andere mögliche Einflussfaktoren auszuschließen, und der Effekt in der Statistik trotzdem bestehen bleibt, ist das schon ein starker Hinweis.“

Insgesamt hätte man den Umfang – bei gleichem Inhalt und guter Lesbarkeit – um fast ein Drittel kürzen können. Ein Beispiel:

Original: „Aber bei den Tierversuchen gibt es zumindest eine kleine Chance auf Erkenntnisgewinn, vielleicht in Gestalt eines Hinweises auf einen möglichen biochemischen Mechanismus, den man weiter erforschen kann.“ (201 Zeichen)

Optimiert: „Die Tierversuche geben jedoch eine kleine Chance auf Erkenntnisgewinn; vielleicht in Gestalt eines weiter erforschbaren biochemischen Mechanismus.“ (146 Zeichen)

Nicht so gut gefallen haben mir die Illustrationen. Sie sind – außer auf dem Umschlag – in schwarzweiß gehalten und offensichtlich von zwei Illustratoren gezeichnet worden. Schematisierte Smiley-Bakterien haben eine rein dekorative Funktion und sollen den trockenen wissenschaftlichen Stoff optisch auflockern. Die Illustrationen an jedem Hauptabschnitts stellen die Themen der folgenden Seiten symbolisch in einer Bleistiftzeichnung dar; sind aber teilweise so schlecht gezeichnet, dass man besser auf sie verzichtet hätte. Sie werten das Buch nicht auf.

Trotz dieser kleinen Schönheitsfehler und Schwächen ist dieses Buch meine uneingeschränkte Empfehlung für alle Leser, die den menschlichen Körper nicht nur besser kennen lernen, sondern für die eigene Gesundheit auch Verantwortung übernehmen wollen. Egal ob Laien ohne jegliche Vorkenntnisse, Mediziner oder Wissenschaftler: jeder kann aus der Lektüre Erkenntnis und anwendbaren Nutzen ziehen.

28. Mai 2014
von Joerg Kilian
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Die Stein-Strategie

Die Hunde bellen … die Karawane zieht weiter

Ich habe mich noch nie so schwer getan, an eine Rezension ranzugehen. Und dies, obwohl mich das Büchlein begeistert hat – vielleicht auch gerade weil es mir so uneingeschränkt gefallen hat. Ich schreibe keine Verrisse; dafür ist mir meine Zeit viel zu schade.

Schon durch seinen bibliophilen taubenblauen Einband mit den weißen Relief-Buchstaben fiel mir das Buch im Regal einer Hamburger Buchhandlung auf, die ich im Rahmen des Events „Eine Nacht in der Buchhandlung“ aufsuchte. Den Rest des Abends konnte ich mich nicht mehr von der Lektüre lösen und entschloss mich zu einer Besprechung.

Die Stein-Strategie
Von der Kunst, nicht zu handeln
von Holm Friebe
Carl Hanser Verlag
Gebunden, 216 Seiten
ISBN 978-3446436770
12,1 x 1,7 x 18,1 cm

Das Abstract des Buches verweist auf die Leserschaft: „Die Stein-Strategie ist weder eine Apologie der Faulheit noch ein Plädoyer für mehr Muße und Müßiggang. Sie zielt vielmehr auf die Durchsetzung eigener Interessen und Erlangung strategischer Vorteile durch Nicht-Handeln.“

Der Autor Holm Friebe ist Protagonist der digitalen Berliner Avantgarde, deren wohl bekanntester Vertreter Sascha Lobo ist. Er ist Hochschullehrer für Designtheorie und Geschäftsführer der Zentralen Intelligenz Agentur (ZIA).

Das handliche Buch mit seinen 200 Seiten, gut lesbarer Typografie auf elfenbeinfarbenen Papier ist ein journalistisch verdichteter Rundgang durch die Philosophien der Geduld, des Wartens, des Aussitzens, des Zuhörens, der Achtsamkeit und Konzentration auf das Wesentliche.

Die Dichte der Information ist bisweilen so hoch, dass ich es nicht geschafft habe, das Buch in weniger als einem halben Duzend Sitzungen durchzulesen. Auch habe ich mir bei keinem Buch bisher so viele Notizen gemacht. Dabei ist der Schreibstil sehr unterhaltsam und pointiert mit vielen augenzwinkernden Andeutungen, Wortspielen und Seitenhieben.

Der Text ist hervorragend strukturiert. Jedes Teilkonzept wird in einzelnen Kapiteln durch sinnvolle Überschriften gefasst. So viel Herzblut und Gehirnschmalz habe ich lange nicht mehr in einem Fachbuch entdecken können. Chapeau!

Ich treffe auf eine Unzahl mir bekannter und geliebter Konzepte und Namen: Vertretern der Entschleunigungsbewegung wie Hartmut Rosa, aber auch den exzellenten Theo Fischer (Gottesfischer!), der uns im Westen das „Wu Wei“ (Nicht-Handeln), das Kernkonzept des Taoismus auf bemerkenswerte Weise näher gebracht hat.

„Entweder man ist Teil des Problems oder man ist Teil der Landschaft.“ sagt Sam (Robert de Niro) im Film Ronin (1998)

Womit wir schon mitten im Thema des Buches sind … „Wenn du dich bewegst, musst du wissen, wohin. Wenn du dich nicht bewegst musst du wissen, warum.“ steht auf der Rückseite. Rolf Dobelli, Autor von „Die Kunst des klaren Denkens“ wird an gleicher Stelle zitiert: „Die Neigung zum vorschnellen Handeln in unklaren Situationen ist einer der wichtigsten Denkfehler … „

Robert Gernhardt: „Von den Steinen lernen, heißt liegen lernen.“ – oder siegen lernen!?

Das Füllhorn an Querverweisen, dass über den Leser ausgeschüttet wird ist grandios. Wir werden vertraut gemacht mit den Stein-Strategien des Aikido, der Spieltheorie, der Psychiologie von Stein-Schere-Papier, der Börsenspekulation, der Überlebenskünste. Und immer wieder schafft es der Autor den Bogen zurück zum Stein zu spannen.

„Steine sind optimal angepasst an ihre natürliche Umgebung. Quick Wins sind nicht ihr Geschäftsmodell.“

Besonders angetan hat es mir das Donald Duck Zitat, dass die Facebook-Seite des Buches ziert: „Vielleicht wenn ich mich hier hinsetze und auf die Sumpfhühner starre, die hier rumsumpfen, vermeide ich allen Ärger.“ – eine intuitive Erkenntnis. Abwarten und Tee trinken oder wenn ich einer Gefahr nicht durch Angriff oder Flucht begegnen kann, stelle ich mich einfach tot – wie ein Stein.

„Es genügt vollkommen, das Problem anzuschauen ohne darüber nachzudenken“.

Das Buch richtet sich an alle, die den Aktionismus, den Bullshit und das Zeitzerhacken unserer Tage den anderen überlassen – und ihr Leben und seine Qualität selbst bestimmen wollen – weil sie wissen oder ahnen, dass sich das aktive Warten lohnt.

Steven Jobs: „I am going to wait for the next Big Thing!“

18. März 2014
von Joerg Kilian
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Das Los

Ein Gewinn unermesslichen Werts – ein Thriller unerwarteter Wendungen

Obwohl ich kein Spieler bin und kaum zweimal in meinem Leben ein Lotterielos gekauft habe, war ich sehr auf das neue Buch von Tibor Rode gespannt. Sein Debutroman „Das Rad der Ewigkeit“ hatte mich von der ersten Seite an gefesselt.

Anders „Das Los“. Ein zwar gut geschriebener, jedoch recht verwirrender und wenig dynamischer Start mit häufigen Schwenks zwischen den Erzählebenen: Orten wie dem heutigen Mumbai, Leeds, Hamburg, New York, Las Vegas sowie dem Berlin, Leipzig und Italiens des ausgehenden 18. Jahrhunderts.

Das Los
von Tibor Rode
Bastei Lübbe, 2014
Gebunden, 640 Seiten
ISBN 978-3431038934

Das Buch handelt von der Gier – neben Faulheit und Sicherheit – wohl der wichtigsten Triebfeder menschlichen Handelns. Gier in all ihren Verkleidungen und häßlichen Masken: Neid, Mißgunst, Betrug, Unterschlagung, Veruntreuung, Bauernfängerei …
Es handelt aber auch von den damit verbundenen Träumen nach ewigem Glück (im letzten Buch war es die ewige Energie) repräsentiert durch absolute finanzielle Unabhängigkeit:

„Das intensivste Glücksgefühl beim Lottospielen, sagen Glücksforscher, wird zwischen der Abgabe des Lottoscheins und der Ziehung empfunden. Während dieser Zeitspanne der Hoffnung kann der Spieler von großen Gewinn träumen.“

Und die Spannung auf den Gewinn von „unermesslichem Wert“ wird bis zum Ende des Geschichte aufrechterhalten und dann – mit einer Prise Moralin gewürzt – hollywoodmäßig aufgelöst.

Genauso genialistisch, wie in seinem ersten Thriller, schafft es der Autor die Protagonisten der Jetztzeit mit den Auswirkungen der geschichtlichen Geschehnisse in schicksalhafte Verbindung zu bringen. Einiges wird etwas manieristisch länglich ausgewalzt, jedoch immer wieder rechtzeitig durch unglaublich spannend geschriebene Passagen abgelöst.

Besonders gut gelungen ist dem Autor auch in diesem Buch das lückenlose Verweben von geschichtlich Belegtem und dicherischer Freiheit. Sehr schön ausgemalt beispielsweise die fiktiven Dialoge zwischen dem Protagonisten Signore Calzabigi und König Friedrich dem Großen.

Tibor Rode gelingt es in wenigen präzisen Sätzen, sehr genaue und lebhaft filmische Darstellungen von Personen, ihrer Kleidung, Gestik und Mimik zu geben … selten ohne gekonnte und amüsante Assoziationen des Betrachters zu reflektieren:

„Sie trug ein Kleid, das ihren Busen zur Hälfte verdeckte und ihre Schultern frei ließ. Aus der Ferne glich ihre Haut weißem Marmor aus Carrara. Ihr dunkelbraunes Haar war zu einer komplizierten Turmfrisur hochgesteckt, so dass der Betrachter sich ganz auf ihr Gesicht konzentrieren konnte. Es war schmal, und zwischen ihren wohlgeformeten Wangen prangten volle Lippen, die ihm so einladend erschienen wie ein aufgeschlagenes Federbett. In ihren Augen lag allerdings ein tiefer Schmerz. …“

„Die Art und Weise, wie er die Tasse zwischen Zeigefinger und Daumen, mit weit abgespreiztem kleinem Finger hielt und zu seinen gespitzten Lippen führte, erinnerte Calzabigi n einen Vogel an der Tränke.“

„Calzabigi neigte den Kopf, als müsse er sein Gehirn in die richtige Region seines Schädels rutschen zu lassen, um dies zu verstehen.“

Der Schutzumschlag des Hardcovers ist aufwendig gestaltet. Das – mit seinen 636 Seiten gerade noch als handlich zu bezeichnende – Buch hat ein schwarzes Lesebändchen, das bei meinem Exemplar leider etwas ausgefranst ist. Die klassische Brotschrift Caslon auf dem cremefarbenen Papier garantiert selbst bei ungünstigen Lichtverhältnissen noch gute Lesbarkeit.

Die Dramaturgie im Mittelteil des Buches ist eher schwach, jedoch muss das Crescendo der gänzlich unerwarteten Wendungen auf den letzten Seiten jeden Leser spannender Unterhaltungsliteratur überzeugen können. Zusammenführung und Auflösung der Handlungsstränge und der Schluß des Buches sind einfach großartig und rechtfertigen, trotz aller Abstriche, dann doch die fünf Sterne!

17. Februar 2014
von Joerg Kilian
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Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki

Kann schlechtes Gewissen töten?

Andere Rezensenten haben sich auf Schilderung von Handlung und Personen konzentriert. Ich möchte einen Blick auf die eher weichen Faktoren dieses Meisterwerks werfen. Es ist einige Zeit seit der letzten Lektüre eines Murakami vergangen.

Doch mit „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ liegt wieder ein großartiges Buch vor uns – auch wenn „Kafka am Strand“, das ich sowohl in der deutschen als auch in der englischen Fassung gelesen habe, mir nach wie vor als sein bemerkenswertestes Werk erscheint.

Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki
von Haruki Murakami
ins Deutsche von Ursula Gräfe
DuMont, 2014
Gebunden, 318 Seiten
ISBN 978-3832197483
Originaltitel: Shikisaki wo motanai Tazaki Tsukuru to kare no junrei no toshi
14,2 x 3,5 x 21,6 cm

Der Einband mit dem transparenten Schutzumschlag ist alles andere als farblos und deutet grafisch die Farbensymbolik der Geschichte an. Sehr praktisch und wertig auch das leuchtend rote Lesebändchen. In Zeiten digitaler Bücher spielt der bibliophile Charakter von Hardcover-Büchern eine zunehmend wichtigere Rolle.

Wie immer bei Dumont sind Typografie und Papier optimal auf einander abgestimmt. Im Gegensatz zu den Einbänden der IQ84-Trilogie bleibt das Buch – einmal aufgeschlagen – jedoch nicht offen liegen.

Wie kaum ein anderer beherrscht Murakami die Kunst, den Leser absolut mit der Handlung zu verschmelzen; als würde der Leser das Buch selbst schreiben, während er es liest! Man hat das Gefühl, dass alle seine Bücher in den gleichen Landschaften spielen.

Die Personen scheinen miteinander verwandt und sind in ihren Wesenszügen so klar und reduziert, dass einem die sonst eher fremden Japaner hier sonderbar vertraut vorkommen. Ebenso geht es dem Protagonisten, der sich auf seiner ersten Auslandreise in Helsinki zwar einsam – aber nicht fremd fühlt.

Während frühere Bücher häufig in zeitlosen Räumen des vergangenen Jahrhunderts spielen, so ist diese Handlung fest in unsere Jetzt-Zeit gesetzt. Ein bei Murakami auffälliges Stilmittel hierfür, ist die unverblühmte Nennung von Markennamen wie Facebook, Lexus, Marlboro, TAG Heuer.

Wiederkehrendes Stilelement ist auch die Inszenierung vordergründig unbedeutsamer, spekulativer und bizarrer Gegebenheiten – wie in diesem Buch der sechste Finger, der im Laufe der Geschichte zu einem mystischen Hintergrundmotiv aufgeladen wird.

Auch die Verwendung seltener Worte und Fremdworte ist ihm lieb: „Diese Möglichkeit schwebte wie eine feste, kleine Lenticulariswolke ständig über ihnen.“ Erst ein Blick in Wikipedia gibt Aufschluss: eine Wolke in Linsenform, die an ein außerirdisches Raumschiff erinnert.

Und wer hat Beiläufigkeit besser so konzis inszeniert: „Sara nahm einen Schuck von ihrem Mojito und inspizierte die Form des Minzblatts von allen Seiten.“

Synästhesie, das Zusammenklingen und Überlagern verschiedener Sinneseindrücke um Stimmungen zu erzeugen, ist wohl sein wichtigstes Stilmittel. Meist benutzt er dafür Musik, hier das Thema „La Mal du Pays“ aus den Années de Pèlerinage von Franz Liszt. Die wiederkehrenden Erinnerungen daran legen einen Schleier grundloser Trauigkeit über die Handlung.

Und immer wieder das Spiel mit der fast nicht wahrnehmbaren feinen Linie, die das Realistische vom Phantastischen trennt: „Er hatte gelebt wie ein Schlafwandler … wie jemand, der von einem Orkan überfallen wird, sich von einer Straßenlaterne zur nächsten hangelt.“

„Er hing gerade noch an der Welt wie die trockene Hülle eines Insekts, die an einem Ast schaukelt und kurz davor ist, vom nächsten Windstoß für immer davon geweht zu werden.“ Ständig grenzüberschreitend, Assoziationen auslösend, abschweifend jedoch immer wieder in den Alltag zurückkehrend: “ … und stupste mit einer sanften Geste, die an die weiche Nase eines großen Hundes denken ließ, eine Taste des Haustelefons an.“

Oder wenn seine Gedanken sich nächtens im Kreise drehen und er immer wieder an den Ausgangspunkt zurückkehrt: „Es war wie bei einem Schraubenkopf ohne Schlitz – er wußte nicht mehr, wo er noch ansetzen sollte.“

Den wie gelähmten Zustand zwischen Träumen und Wachen, kann kein anderer so gut beschreiben wie Murakami: „Er konnte weder seine Lippen noch seine Zunge bewegen. Nur lautloser, trockener Atem entströmte seiner Kehle.“

Wenn es in dem Buch Längen geben sollte, sind diese so gut bemessen, dass genau in dem Moment, wo man sie wahr nimmt, wieder ein spannendes Element auf der Bühne erscheint. Beim Lesen wird Bewußtheit erzeugt – oft durch das Dehnen und Zusammenziehen von Zeitempfindung.

Das Buch lebt von dem Faszinosum der Versenkung; lebt von der Suche nach Erkenntnis und endgültigen Wahrheiten in philosophischen Dialogen: „Die Freiheit des Denkens kann man nicht erreichen, wenn man willentlich danach strebt.“

Manchmal ahnt man eine Verwandschaft zu Hermann Hesses „Glasperlenspiel“: die Bewunderung der Perfektion des Geistes und die Ohnmacht und Zerissenheit gegenüber der Unvollkommenheit und Hinfälligkeit des Körpers.

Vermutlich ist auch in diesem Buch viel Autobiografisches eingearbeitet. Es geht um die metaphysischen Transformationen menschlicher Existenzen, die mit unsichtbaren Schicksalsfäden aneinander gebunden scheinen: Verhaftung überwinden, loslassen, überleben …

Es geht um Schuldigkeit, Todessehnsüchte und Identitätsverlust… Kann schlechtes Gewissen töten? Es geht um die Sinnhaftigkeit des Lebens, darum für andere bedeutsam zu sein.
Ein Leitmotiv des Buchs ist unterdrückte Sexualität und die Angst von deren Auswüchsen, die scheinbar immer unterhalb der Oberfläche lauern.

Im letzten Kapitel werden alle Geschenisse noch einmal kontemplativ zusammengefasst:
„Es ist schon seltsam … dass diese wunderbare Zeit vorbei ist und niemals wieder so sein wird. Dass der Fluss der Zeit all unsere fabelhaften Möglichkeiten mit sich fortgetragen hat und sie nun verschwunden sind.“

Das Ende ist diffus optimistisch, fast heiter – aber auch melancholisch, immer mit der Melodie des Themas von „La Mal du Pays“ im Ohr …

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