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Buchbesprechungen – keine Verrisse …

Stumme Erde

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Fünf nach Zwölf?

Wer frühere Bücher des Autors gelesen hat, wird bald feststellen, dass „Stumme Erde“ keine erheiternde Lektüre ist, sondern ein heftiger Weckruf. Während „Und sie fliegt doch“, einen munter erzählten Einblick in die faszinierende Welt der Hummel gibt, dominieren in dem vorliegenden Werk die düsteren Töne. Auch wenn Sie kein besonderes Interesse an Insekten haben und diese sogar als lästig oder unnütz empfinden, sind genau diese Tiere aus Sicht des Autors der Schlüssel zum Verständnis komplexer Prozesse in unserer Umwelt.

Er spannt den Bogen aber noch weiter und zeigt wie unterschiedliche Lebensformen – von Bakterien und Viren bis hin zu Säugetieren, wie dem Menschen – so eng miteinander verflochten sind, dass das Überleben der Menschheit davon abhängig ist. Bekanntermaßen kann die Erde ja ohne uns Menschen klarkommen, wir jedoch ohne Erde …?

STUMME ERDE
Warum wir die Insekten retten müssen
Dave Goulson, deutsch von Sabine Hübner
Gebundene Ausgabe EUR 25,00
Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, 2022
Zweite Edition, 14. März 2022
368 Seiten
15,3 x 3 x 21,8 cm
ISBN 978-3446272675

Seit seinem achten Lebensjahr hat sich der promovierte Biologe mit Professur an der Universität von Sussex in Südengland – intensiv mit Insekten beschäftigt. Der seit Jahrzehnten zu beobachtende Rückgang der Artenvielfalt – nicht nur bei Insekten – hat ihn bereits lange beschäftigt. Kaum ein Anderer, als „Hummel-Papst“ Dave Goulson, ist berufen, diese komplexe Thematik für uns zu beleuchten und zu deuten.

Der Titel des Buches bezieht sich auf das bereits 1963 erschienene Buch „Der stumme Frühling“ von Rachel Carson, in dem die amerikanische Autorin unseren Umgang mit der Umwelt anprangert. Wir befinden uns im Anthropozän (ja, auch ich hasse dieses Wort), dem Zeitalter, das vor zehntausend Jahren begann und durch das nachweisbare Wirken der Menschen auf unseren Planeten definiert wird.

Die fortschreitende Expansion der Zivilisation mit ihren materiellen Bedürfnissen bringt die bisherigen natürlichen Lebensvorgänge auf der Erde zunehmend aus dem Gleichgewicht.
Nach einem Einblick in die Entwicklungsgeschichte der Insekten, zeichnen die ersten Kapitel des Buches ein alarmierendes Bild des sich immer weiter beschleunigenden Artensterbens. Die qualitative und quantitative Abnahme der Biodiversität wird vom Autor detailliert erklärt, unterstützt von grafischen Darstellungen und den Ergebnissen fundamentaler Studien der vergangenen Jahrzehnte. Soweit möglich, zieht er daraus Schlüsse und klärt Ursachen und Zusammenhänge.

Im mittleren Teil des Buches wird die kämpferische Haltung des Autors sichtbar, indem er uns mitnimmt in die Vielzahl von juristischen und politischen Prozessen, an denen er als Advokat der Natur teilgenommen hat. Hier geht es um intensive Landwirtschaft, namentlich Pestizid, Düngemittel. Aber auch um die Abnahme der Biosphären, den Klimawandel und andere technologische und lebensfeindliche Entwicklungen, die wir zunehmend wahrnehmen.

Am Ende jeden Kapitels, gibt es dann doch ein etwas erheiterndes „Bonbon“. In dem aus seinen bisherigen Büchern gewohnten anekdotischen Stil, werden einzelne Insektenspezies mit besonders faszinierenden Eigenschaften vorgestellt.

Nach einer ziemlich dystopischen – jedoch sehr realistischen Vision – die der Autor aus der Ich- Perspektive eines Millennium-Geborenen erzählt, kann dann der letzte Teil des Buches mit einem Katalog von Maßnahmen aufwarten, wie jede Einzelne von uns in allen Bereichen unseres Lebens etwas dazu beitragen kann, dass es vielleicht doch nicht so schlimm kommt, wie in den düstersten Prognosen.

Zurückdrehen lässt sich die Entwicklung zwar nicht, jedoch wäre es möglich, dass die Uhr doch erst fünf vor Zwölf zeigt und wir heilsame Prozesse ingangsetzen können. Entscheidend dafür ist jedoch das Bewusstsein dafür in die Öffentlichkeit zu tragen, dass jetzt gehandelt werden muss.

Essayistisch und immer stilsicher, jedoch auf wissenschaftliche Korrektheit bedacht, gibt uns Dave Goulson einen Überblick davon, wie schlimm es um unsere Umwelt bestellt ist und auch warum wir mit diesen deprimierenden Fakten noch gar nicht umgehen können – oder wollen. Während seiner Vortragsreisen hat der Autor einen guten Eindruck davon bekommen, wie schwer es uns fällt, Komplexität in der Natur und deren Auswirkungen auf das eigene Leben zu verstehen.

Meine Rezension bezieht sich nicht auf das gebundene Buch, sondern das eBook. Die digitale Ausgabe ist gut lesbar und funktionell formatiert. Hier und da gibt es kleinere Schnitzer in der Textformatierung. Die Übersetzung aus dem Englischen von Sabine Hübner – die bereits frühere Werke von Dave übersetzt hat – scheint inhaltlich und formal richtig zu sein. Die englische Originalausgabe liegt mir nicht vor.

„Stumme Erde“ ist vielleicht nicht das beste Buch, das ich je gelesen habe, wohl aber eines der wichtigsten. Die Lektüre ist nur der Anfang; die Umsetzung der gewonnenen Einblicke und Anregungen wartet auf uns alle. Weitersagen!

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