DREAMBOOK

Buchbesprechungen – keine Verrisse …

12. Juni 2024
von Joerg Kilian
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Altern

Der Pfeil fliegt

Das von mir an einem langen Sonntagnachmittag im aprilhaften Juni durchgelesene, physisch etwas dünn geratene, aber inhaltlich gehaltvolle, lebenskluge Büchlein, ist ein literarisches Schatzkästchen. Meist im Plauderton schreibend, streckenweise vor Optimismus sprühend, betrachtet die Autorin ihr Leben in der Rückschau, verweilt im Hier und Jetzt und sinniert über das was noch kommen mag.

Altern – Alle wollen alt werden, niemand will es sein. Ist das nicht absurd?
Essay von Elke Heidenreich
Hanser Berlin, Berlin 2024
Gebunden, 112 Seiten
ISBN 978-3446279643
12,7 x 1,7 x 20,4 cm
EUR 20,-
Hörbuch EUR 9,-

„Aus der Summe der glücklichen Augenblicke setzt sich das Glück des Lebens zusammen.“

Elke Heidenreich, die „grande Dame“ der deutschen Literatur, brauch ich nicht vorzustellen. Man kennt sie aus Fernsehsendungen und Talkshows. Auch in diesem Buch schreibt sie so, wie sie spricht – und wahrscheinlich auch denkt. Der Text geht mir sehr nah; auch wenn mich noch vierzehn Jahre von ihrem Alter trennen, beschäftigt mich das Thema seit Jahren. Auch im Alter von Achtzig sieht die Autorin das halb volle Glas, wie auch das halb geleerte.

„Die Kunst des Lebens besteht darin, jung zu sterben, das aber so spät wie möglich.“

Über das Altwerden haben bereits Einige geschrieben. Vieles davon taucht hier wieder auf: philosophische Erkenntnisse, Aphorismen, Gedichte, Dialogfetzen aus Romanen, Theaterstücken, vom Film, aus der Oper – von Albert Einstein bis Robert Walser, von Elias Canetti bis Julian Green, von Goethe bis Martenstein:

„Wir Alten sind im Vorteil: wir wissen wie es ist, jung zu sein.“

Die vielen Aspekte des Alterns im gesellschaftlichen Kontext werden ebenso beleuchtet, wie die persönlichen, die durch die Beziehungen zu anderen Menschen geprägt sind. Das soziale Umfeld, das Land in dem wir leben, das von den Eltern überlieferte, unsere Gesundheit und Physis; vor allem aber auch unsere finanzielle Situation. Die Geschlechter werden beim Älterwerden unterschiedlich gesehen und behandelt. Alterseinsamkeit trifft Männer viel häufiger und schwerer.

„Ganz andere Leben haben auch ganz andere Alter.“

Dem Altern steht das Jungsein gegenüber, die Zeit der ungestümen Torheiten. Älteren Menschen wird nicht mehr so viel zugetraut, wie jüngeren. Auch mit der Altersverachtung rechnet die Autorin ab: Wir sollen die Generation sein, die es verkackt hat? Schiebt uns alten nicht die Schuld an allem zu. Kapiert es bitte: Wir sind nicht mehr zuständig!

„Ganz und gar verboten im Alter ist das große Aufbäumen.“

Das kann doch noch nicht alles gewesen sein. Doch, das war’s. Damit sollte man sich enstpannt abfinden. Was dann noch bleibt: sich Zeit für Herzenssachen nehmen, in Erinnerungen leben, sich von Dingen trennen, sich von Menschen verabschieden und schlussendlich die Überlegung, was ist, wenn das alles zu ende geht. Alles in allem eine tröstliche, eine heitere Lektüre.

„Man sollte einfach nur atmen und dankbar sein.“

Werde auch ich sein wollen…

Hanser Literaturverlage

15. Januar 2024
von Joerg Kilian
Keine Kommentare

Die Stadt und ihre ungewisse Mauer

Latent lesesüchtig

Fast alles habe ich von diesem begnadeten Meister des fantastischen Realismus gelesen; das meiste auf Deutsch, einiges auf Englisch, noch nichts auf Japanisch. Dieser neue Roman hat mich wieder in die Stimmung versetzt, die ich seit der Lektüre von „Kafka am Strand“ so gut kenne und die so schwer zu beschreiben ist.

Die Stadt und ihre ungewisse Mauer
Roman von Haruki Murakami
vom Japanischen übersetzt
ins Deutsche von Ursula Gräfe
DuMont Buchverlag, Köln 2024
Gebunden, 640 Seiten
ISBN 978-3832168391
14,4 x 4,7 x 21,2 cm
EUR 34,-
eBook EUR 27,99

Ich kenne das Licht dort, die Gerüche, den Geschmack, die Menschen. Es löst eine fast kindliche Sehnsucht in mir aus: die Sehnsucht, nicht im Hier und Jetzt verhaftet zu sein, sondern sich mit dem Bewusstsein frei bewegen zu können. Die Worte reihen sich wie von selbst aneinander, als würden die Worte beim Lesen aus mir selbst entstehen. Dadurch entsteht eine magische Atmosphäre.

„Es sieht aus, als würden wieder Tränen über deine Wangen laufen. Es riecht ein bisschen nach Tränen. Tränen haben tatsächlich einen Geruch, denke ich. Er geht zu Herzen. Er ist sanft, verführerisch und natürlich auch ein bisschen traurig.“

Traum und Wirklichkeit verschmelzen zu einem Handlungsstrang. Ein sechzehnjähriges Mädchen und ein siebzehnjähriger Junge verlieben sich ineinander, verlieren sich und finden sich in unterschiedlichen Realitätsebenen ihrer Seelenverwandtschaft. Wiederkehrende Bilder, Symbole, Rätselhaftes sind die Stilmittel mit denen der Autor uns erzählend verzaubert.

„Ich sauge die Abendluft tief ein, während ich nach den richtigen Worten suche. Wie drücke ich es am besten aus? »Die Menschen dort leben alle mit ihren Schatten zusammen.«“

Das Buch spielt in Japan, ohne das Japan genannt werden müsste. Die Beschreibungen beschränken sich auf das Wesentliche, der Fokus ist jederzeit klar. Genaueste Beoachtungen in Verbindung mit Metaphern, einfacher Sprache, wenig Fremdwörtern. Und über Allem liegt der Schleier eines großen unbestimmten und daher unaussprechlichen Geheimnisses.

„Den Blick auf die Welt, der sich mir damals offenbarte, sollte kein Mensch je zu sehen bekommen. Aber jeder von uns trägt diese Welt in sich. Ich trage sie in mir, Sie tragen sie in sich. Dennoch ist ihr Anblick nicht für menschliche Augen bestimmt. Deshalb verbringen wir die meiste Zeit unseres Lebens mit geschlossenen Augen.“

Murakami hat dieses große Werk bereits vor 40 Jahren in einer Kurzgeschichte angedacht, jedoch erst im Laufe der letzten vier Jahre zur Reife gebracht. Der Roman ist lang – ohne langatmig zu sein, denn die Kapitel haben eine optimale Länge und können jedes für sich genossen werden. Nach etwa einem Drittel des Buches, erwartet uns am Ende von Kapitel 23, ein unerwarteter plot twist.

Am liebsten würde ich gar nicht aufhören zu lesen. Glücklicherweise habe ich noch 472 Seiten ungelesen vor mir liegen.

„Am Nachmittag begann es zu schneien. Unzählige weiße Flocken fielen lautlos vom Himmel auf die Stadt. …“

DuMont Buchverlag

20. November 2023
von Joerg Kilian
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Die Zeit der Verluste

Trauerarbeit lernen

Daniel Schreiber, derzeit wohl bester Essayist Deutschlands, hat mit diesem Buch noch ein sensibles und gesellschaftlich sehr relevantes autobiografisches Essay abgeliefert, das sich an seine beiden vorherigen Bücher „Allein“ und „Nüchtern“ anschließt – die ich allerdings wahrscheinlich sogar mit der gleichen Begeisterung noch lesen werde.

Die Zeit der Verluste
von Daniel Schreiber
Hanser Berlin, 2023
Gebunden, 144 Seiten
ISBN 978-3446278004
13,3 x 1,8 x 20,8 cm
EUR 22,-
Kindle EUR 16,99
Hörbuch EUR 10,-

Er beschreibt in dem Buch einige Tage intensiver innerer Einkehr, die er sich nach mehr als einem Jahr pausenloser Geschäftigkeit gönnen muss, um nicht vor die Hunde zu gehen. Die immer wieder verdrängte Trauer, um den Tod seines Vaters holt ihn hier und jetzt ein und bringt ihn dazu, Verlust und Trauer – eher noch die Unfähigkeit zur Trauer – im Spiegel der Gesellschaft zu reflektieren.

„Manchmal bin ich mir nicht sicher, um wen oder um was ich trauere, ob ich das vermeintlich Kleine und das vermeintlich Große, meinen privaten Alltag und die Weltgeschichte, noch trennen kann.“

Dabei entlarvt er die teils zynischen Bilder und Rituale, die wir um das Sterben, den Tod, den Verlust und die Trauer gewoben haben, um uns nicht wirklich im aktiven Leben und Streben damit auseinandersetzen zu müssen. Wir lernen Facetten der Trauerabwehr kennen, die Süchte, die uns helfen, unsere Ohnmacht gegenüber dem Unvermeidlichen auszublenden, zu betäuben.

„In Büchern, Artikeln und den Fernsehnachrichten wurde so anhaltend über eine Zeitenwende und manchmal sogar eine Apokalypse gesprochen, dass ich eine Abneigung gegen diese Worte entwickelte, gegen ihre Hülsenhaftigkeit, die mehr verdeckte als beschrieb.“

Venedig im Nebel als Handlungsort seiner Selbst- und Weltbetrachtung ist perfekt gewählt: „dieses skrupulös bewahrte Museum seiner selbst“. Eine Ode an die Stadt und ihre vergängliche Schönheit. „Es ist ein Ort, der mit unseren inneren Aggregatzuständen spielt, der uns bewusst machen kann, dass alles, von dem man glaubt, es sei solide, fest und beständig, in hohem Grad fluide, dass alles vergänglich ist.“

Seine Freundin bemerkt, „dass ihr diese Stadt manchmal wie ein alter, sterbender Körper vorkomme, den man schmücke und balsamiere wie für eine festliche Beisetzung. …“ „Möglicherweise gehört es einfach zum Wesen der Stadt, dass sie einen dazu zwingt, die Kontrolle abzugeben und zuzulassen, dass man sich selbst immer mal wieder abhandenkommt.“

Wir erfahren etwas über die Kindheitserinnerungen des Autors, beleuchten kulturelle Phänomene wie Trauerlärm und Trauerschweigen, lernen die Bedeutung von ontologischer Verletzlichkeit und Subapokalypsen für unser Verständnis von Vergangenheitsbewältigung und Zukunftsperspektive.

„Zeit der Verluste: mit dem Schmerz der Trauer leben zu lernen und durch ihn ins Eigentliche unseres Lebens zurückzufinden.“

Der erzählerische Wechsel zwischen Reisetagebuch, Selbstbeobachtung und philosophischer Weltschau geschieht mit genialer Leichtigkeit. Das Buch mit seinen 150 Seiten hat – obwohl es leicht lesbar ist – eine schier unglaubliche Erkenntnisdichte, mit nur wenigen Längen. Für mich mehr als ein literarischer Silberstreif am Horizont in diesem grauen Novemberwetter.

Hanser Literaturverlage
https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/die-zeit-der-verluste/978-3-446-27800-4/

16. Oktober 2023
von Joerg Kilian
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Der Freund

Eine Hundeliebe

Habe ich schon mal erwähnt, dass gute Bücher fast von selbst den Weg zu mir finden? Bei unserer öffentlichen Bücherhalle gibt es einen Korb, der Flohmarkt heißt. Dort kann man ausgemusterte Exemplare – drei Stück für nen Euro – mitnehmen. Dieses Goldstück war dabei.

Der Freund
von Sigrid Nunez
Übersetzung Annette Grube
Roman Gebunden
Aufbau Verlag, 2020
Gebunden, 235 Seiten
ISBN 978-3351034863
12,5 x 2,4 x 21,5 cm
EUR 20,-
Taschenbuch EUR 12,-
eBook EUR 9,99
MP3-CD EUR 10,-

Im Klappentext schreibt Johanna Adorján: „ Auf fast jeder Seite wollte ich mir mehrere Sätze anstreichen, bis ich es irgendwann gelassen habe, man kann ja nicht ein ganzes Buch anstreichen. …“ – was mich neugierig machte.

Noch nie habe ich etwas so tiefsinniges, geistreiches, stilvollendetes und doch gleichzeitig leichtes und unterhaltsames über die Beziehung zwischen Mensch und Tier – hier einer deutschen Dogge – gelesen. Der Roman ist streckenweise auch ein Essay über Freundschaft und Liebe, Altern und Trauer. Gegen Ende überrascht uns ein literarischer plot twist.

Bestellen beim Aufbau Verlag
https://www.aufbau-verlage.de/aufbau-digital/der-freund/978-3-8412-1955-8

22. April 2023
von Joerg Kilian
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Aus die Maus

Auf verlorenem Posten?

Ein Weckruf für politisches Umdenken, der hoffentlich nicht – wie so viele andere verhallt. Das Buch richtet sich an alle, die die ursprünglichen linke Ideale nicht nur auf ihren Lippen tragen, sondern auch bereit sind, sie umzusetzen. Es ist voll unverhohlener Kapitalismuskritik, die jedoch berechtigt und belegbar ist. Die Bigotterie der westlichen Politik seit dem Kalten Krieg, im Balkan, im Iran und Irak, im Nahen Osten, in Syrien und jetzt in der Ukraine wird systematisch entschleiert.

»Der Kapitalismus trägt den Krieg in sich wie die Wolke den Regen.«

Jean Jaures

Aus die Maus
Der Blick von unten auf die da oben
von Żaklin Nastić
Das Neue Berlin, 2023
Broschiert, 192 Seiten
ISBN 978-3360027566
EUR 16,-
eBook EUR 12,99

Das Buch hat mir von Anfang an gefallen. Trotz der sehr komplex dargestellten politischen Sachverhalte, ist die Lektüre sehr schlüssig, da eine sehr klare und leicht verständliche Sprache verwendet wird, die mitunter sogar unterhaltsam ist: süffisant, ironisch, polemisch. Das Buch ist ein Manifest der politischen Position und parlamentarischen Arbeit der Autorin. Authentisch, sympathisch unnachgiebig. Ich kaufe es ihr ab!

Wer Erde und Menschen im Interesse des Profits ausbeutet und auf diese Weise weltweit für wirtschaftliche und soziale Ungerechtigkeit sorgt, wer Kriege führt und Menschen tötet, hat das moralische Recht verwirkt, anderen die Maßstäbe für Freiheit und Demokratie zu diktieren.

Żaklin Nastić schreibt über die wirklich sehr sinnvolle Arbeit ihrer Partei, DIE LINKE, die mittels Kleiner Anfragen im Bundestag die Entscheidungen der Mainstream-Politik kritisch beleuchtet. Der gesellschaftliche Hintergrund und die politischen Erfahrungen der Autorin machen ihre Argumentation überaus glaubhaft. Die Inhalte wirken gründlich recherchiert und sind fast alle mit Quellen belegt.

Kleine Fragen müssen auf Wissen gründen, einen realen und nachweislichen Grund haben und, wie es heißt, zielführend sein. Schüsse ins Blaue bringen nichts. Man muss genau wissen, was man will. Es ist wie Schach spielen. Mögliche Züge, d. h. die erwartbaren Reaktionen muss man im Voraus planen und darauf die nächsten Fragen ausrichten.

Leider muss man dem Verlag ein mangelhaftes Lektorat vorwerfen. Der Fehlerteufel hat mehrfach zugeschlagen; beispielsweise „Gander Gap“. Trotzdem war es für mich eine wertvolle Lektüre, nicht zuletzt, weil es mir wieder einmal geschichtliche und politische Zusammenhänge vor Augen führt, die man nur allzu gern verdrängt, um das System, in dem wir uns alle mehr oder weniger bequem eingerichtet haben, nicht infrage stellen zu müssen.

Sehr empfehlenswert.

Buch bestellen:
https://www.eulenspiegel.com/verlage/das-neue-berlin/titel/aus-die-maus.html

14. Februar 2023
von Joerg Kilian
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Das glückliche Geheimnis

Literarisch containern

Arno Geiger nimmt uns mit bei der Betrachtung von drei Jahrzehnten seines Doppellebens als Autor und Altpapierarchivar. Das Buch ist ein harmonischer Wechsel von reduzierter Schilderung und essayistischer Kontemplation, gelungenen Selbstzuschreibungen und uneitler Selbstergriffenheit. Es ist keine seichte Beichte, sondern ein Tagebuch der enthusiastischen Selbstbeobachtung und Selbstreflexion. Die dabei eher beiläufig wirkende sprachliche Kunst ist die herausragende Stärke des Autors.

Denn in den Müll kommt, was erledigt ist, und in diesem Erledigten gibt eine Gesellschaft Auskunft über sich selbst. Für Archäologen sind ehemalige Stadtgräben, die mit Abfall aufgefüllt wurden, Goldadern. Die Archäologen wissen: Das Erledigte verkörpert eine Epoche so gut wie das bedeutendste Kunstwerk. Im Müll wohnt die Wahrheit. Und die Wahrheit muss irgendwann heraus: Das Leben besteht aus Unordnung, Verwirrung, Dreck und Tod. Wie ein wüst hingeschütteter Misthaufen ist die schönste, vollkommenste Welt.So kam es, dass ich vom guten Weg abwich und aufs Geratewohl losmarschierte auf ein Terrain, das gekennzeichnet ist von Schmutz und fehlender Schicklichkeit. Ich geriet in etwas hinein, das sich zunächst als Irrsinn erwies und später als eine gute Sache.

Das glückliche Geheimnis
von Arno Geiger
Carl Hanser Verlag, 2023
Gebunden, 240 Seiten
ISBN 978-3446276178
13,5 x 2,3 x 20,8 cm
EUR 25,-
eBook EUR 18,99

Das Buch hat mir richtig viel Lese- und Lebenslust gegeben. Die freudige Erregung des Protagonisten über seine geheimen Funde in den Altpapiercontainern Wiens und die Freude über das Teilen dieser Schätze mit uns, springt auf jeder Seite über. Ähnliche Gefühle hat bei mir nur der Text von Hermann Hesse „Über das Glück“ hervorgerufen. Auch in den Texten Geigers liegt etwas Verheißungsvolles. Das Glück kommt aus dem Moment und verbleibt auch dort.

„Es war beglückend, nach einer zur Gänze absolvierten Runde mit K. Kaffee zu trinken, ihr das Gefundene zu zeigen und darüber zu reden. Später hielt ich einen Mittagsschlaf, abgeschieden von der Welt. Ich legte mich aufs Bett mit einem zufälligen, am Vormittag gefundenen Buch. Ich las in diesen Büchern anders als in gekauften Büchern, in freudiger Erregung, als falle mir etwas vom Himmel in die Schürze. Irgendwann nickte ich ein und schlief so fest, dass ich nichts mehr hörte vom Rumoren der Stadt.“

Das glückliche Geheimnis geht weit über das „literarische Containern“ hinaus. Wir werden mitgenommen durch die Irrungen und Wirrungen eines Literatenlebens mit all seinen Höhen und Tiefen. Über die Grenzen des Erwartbaren hinaus, lässt uns Arno Geiger an Erfolgen und Mißerfolgen seines beruflichen und privaten Lebens teilhaben. Es geht um die Kunst des Aufbewahrens und Entsorgens, des Einordnens und Neubewertens, um Retrospektion und Vergänglichkeit. Es ist ein Buch über das Altern und die Weisheit, über die Selbstbegegnung und das Staunen, über die Lebensfülle und das Auswählen.

„Ich begriff, dass das echte Leben gewöhnlich ist und trotzdem vielschichtig und dass auch ein vielschichtiger Satz gelassen formuliert sein kann. Es stellt erstaunlich hohe Ansprüche, einen schlüssigen Gedanken zu for mulieren, der nicht in jeder Sekunde signalisieren will, wie bedeutend er ist. Das am wenigsten wichtige Stück des hochkulturellen Ballasts, mit dem ich mich bisher getragen hatte, warf ich schrittweise ab: das sprachliche Auftrumpfen. Ich nahm mir vor, ein Künstler des Ungekünstelten zu werden.“

Ein Geheimnis dieses Textes ist die Vielschichtigkeit der Einsichten, von denen keine nur privat daherkommt, sondern alle in einem Großen Ganzen gesehen werden. Neben Bezügen zu Sören Kierkegaard, Arno Schmidt und Marcel Proust haben mich besonders die Ausführungen über die auch von mir hochverehrte Agnès Varda („Schutzheilige der Abfallsammler“) und Greta Thunberg berührt. Ein gutes Buch ist zwar nicht vordergründig, jedoch auch immer – politisch.

„Der Film [Die Sammler und die Sammlerin] ist eine Spurensuche, wie tief das Herumstreifen und Sammeln in die Natur des Menschen eingeschrieben ist, ein Nachdenken über das Sammeln als Kulturtechnik, als menschliches Grundbedürfnis, egal ob aus Not oder Neigung. Meist findet es am Rand der Wohlstandsgesellschaft statt, am Rand der Hauptrouten industrieller Verwertung. Immer fällt irgendwo etwas ab, ein Rest, um den es schade wäre, wenn er verlottern, verrotten oder verschrottet würde. Agnès Varda teilte mir mit, es finde sich auch im Wertlosen ein Reichtum, wenn man nur willens ist, ihn zu suchen.“

„Ganz nebenbei gesagt, mir gefällt Greta Thunberg, diese meistens ernst, geradezu finster dreinblickende Person mit ihren dünnen Zöpfen. Greta Thunberg ist als Verletzliche kenntlich, und es hat für mich etwas Überzeugendes, dass eine verletzliche Person für Verletzliches eintritt, nicht bittend, sondern anklagend. Greta Thunberg personifiziert ihr Anliegen. Ich stehe auf ihrer Seite.“

Vor zwei Wochen habe ich zu lesen begonnen. Normalerweise brauche ich für ein zu besprechendes Buch ein Wochenende. Hier habe ich das Ende der Lektüre so lang es geht hinausgezögert. Ich wollte einfach nicht, dass das Buch endet; so intensiv hat es mich über weite Passagen in Beschlag genommen. Mehr als einhundert Notizen habe ich angefertigt und fast ein Fünftel des Buches für Zitate kopiert.

„Darf er das überhaupt? Diese Frage wird stehenbleiben, weil Einigkeit nicht erzielt werden kann, das weiß ich. Mich haben immer die Grauzonen angezogen, in den Grauzonen verbirgt sich das eigentlich Menschliche. In der Grauzone fordert der Mensch die Gesellschaft heraus, und in diesem Spannungsfeld entwickeln sich beide.“

Das eBook hatte ich mir auf mein kleines iPhone kopiert, was in allen Lebenslagen einen intimen Zugang zum Stoff möglich macht. Neue Literatur lese ich meist so, ältere Bücher eher auf Papier, aus dem Antiquariat. Ich halte das für ressourcenschonend und eBooks landen zumindest nicht im Altpapier.

Das glückliche Geheimnis beim Carl Hanser Verlag
https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/das-glueckliche-geheimnis/978-3-446-27617-8/

Rezensionen des Buches
https://www.perlentaucher.de/buch/arno-geiger/das-glueckliche-geheimnis.html

Leseprobe
https://www.vorablesen.de/buecher/das-glueckliche-geheimnis

Arno Geiger bei NDR Kultur (Video und Audio)
https://www.ndr.de/kultur/buch/tipps/Das-glueckliche-Geheimnis-Arno-Geigers-Roman-vom-Suchen-und-Finden,geiger186.html

Das Hörbuch, gelesen von Matthias Brandt
https://www.lesejury.de/arno-geiger/hoerbuecher/das-glueckliche-geheimnis/9783957132963

4. Januar 2023
von Joerg Kilian
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Der Designer Peter Schmidt

Kein zorniger alter Mann

Ein Weltverbesserer der anderen Art, den wir hier kennenlernen, der mit seinem zarten Habitus, flankiert von stoischem Gerechtigkeitssinn und einem hohen Grad an Einfühlungsvermögen, eine glanzvolle Karriere in der Designbranche hingelegt und mit seinem vortrefflichen Sinn für Ästhetik unsere Welt schöner und richtiger gemacht hat. Rückblick auf ein erfülltes Leben. Im Vorwort huldigt Antoine Wagner, Urenkel des Komponisten und Freund und Vertrauter von Peter Schmidt, den Designer als kosmopolitischen Poeten und präzisen Beobachter:

„Der Kontrast zwischen dem Minimalismus seines Werks und der Opulenz seines Wissens bleibt einmalig.“

Der Designer Peter Schmidt: Eine Biographie
von Bernadette Schoog
Berg & Feierabend Verlag, 2020
Gebunden, 240 Seiten
ISBN 978-3948272050
14,1 x 2,6 x 21,7 cm
EUR 24,-

Das Buch hat mir eine Freundin zum Geburtstag geschenkt. Selbst hätte ich es wohl nicht gekauft, da mich Biografien nicht sonderlich ansprechen – obwohl mich der Designer Peter Schmidt immer interessiert hat. Zweimal habe ich ihn persönlich getroffen; erst bei einem Vorstellungsgespräch in den 1980er-Jahren, später bei einer Feier im Hamburger Museum für Völkerkunde. Viel verbindet mich mit dem Menschen, der vom Alter her mein Vater sein könnte: Auch ich bin passionierter Designer, bin in einer Gärtnerei aufgewachsen, stehe der taoistischen Philosophie nahe und schreibe gelegentlich Haiku-Gedichte. Bei der Lektüre des Buches muss ich mich immer wieder ermahnen, dass ich nicht den Designer selbst, sondern das Buch über sein Leben rezensiere.

Erschienen ist das Buch eine Woche vor dem ersten Corona-Lockdown, nachdem Peter Schmidt im Dezember zuvor zum Hamburger des Jahres gekürt wurde. Sein designerisches Werk ist aus unser aller Leben nicht wegzudenken: Seine Parfumflakons, Erscheinungsbilder und Logos aber auch Porzellanservice und Bühnenbilder sind weltweit anerkannt und wurden vielfach prämiert. Bereits 2010 kam das Buch „Inszenierte Welten“ über den Gestalter Peter Schmidt heraus. Jetzt, mit Anfang 80, der richtige Zeitpunkt über eine aktuelle Darstellung nachzudenken. Die vorliegende leicht zugängliche Biografie hat er zusammen mit der Moderatorin und Autorin Bernadette Schoog verfasst.

Auch wenn die einzelnen Kapitel über das schillernde Leben des Designers in der dritten Person und im streckenweise gelängten plauderhaften und mit Anekdoten und Zitaten gespickten Erzählstil einer Home Story geschrieben sind, lässt sich dahinter die nicht ganz uneitle Gesprächsführung und Handschrift des Designers vermuten, der sich erst am Ende des Buches in der ersten Person altersweise und moralisch äußert:

„Wir haben unser aller Schicksal in die Hände von Menschen gelegt, die gar nicht mehr verstehen, wie schön das Leben sein kann. Viele Politiker sind nur noch an ihrer eigenen Karriere interessiert und nicht mehr an ihren Aufgaben zum Wohl der gesamten Gesellschaft. Die Unternehmen haben Angst und erstarren in Althergebrachtem, anstatt zu begreifen, dass sich alles verändern wird, alles, unser Leben, unsere Umwelt, unser Dasein. Sehr gerne würde ich noch einmal leben, um zu sehen, was aus all dem geworden ist, …“

Überhaupt wird das Buch erst im letzten Drittel richtig interessant, wenn der Designer kritische Betrachtungen über sein Leben und Wirken durchblicken lässt. Wichtig scheint ihm vor allem der persönliche Kontakt zu den Menschen seiner diversen „Familie“, die aus engen Freunden, Adoptivkindern, Geschäftspartnern und anderen Verbündeten und Seelenverwandten besteht, die – wen würde es wundern – alle der Kunst, der Kultur und dem „guten“ Leben zugeneigt sind.

Viele Aspekte seines Lebens werden jedoch nur schablonenhaft dargestellt. Die Person Schmidt wird unnahbar auf einen Piedestal gestellt. Nur Eingeweihte haben einen Zugang zum Menschen Peter. Sein gesundheitliches Befinden wird nur durch die fast beiläufige Erwähnung eines Herzinfarkts gestreift. Und was mich noch interessiert hätte: Was isst er gern, wenn er schon nicht selbst kochen mag?

Dem Alterungsprozess wird jedoch die eine oder andere Bemerkung gewidmet:

„Vielleicht, so sinniert er, ist es aber auch richtig, im Alter körperlich nicht mehr so stark zu sein, den Rausch des Lebens nicht mehr so intensiv zu spüren, Glück nur noch im Betrachten einer Blume, im Lesen eines Gedichtes, im Hören einer Musik zu empfinden, um den Fokus mehr auf das Reflektieren dessen legen zu können, was gewesen ist.“

Immer wieder werden Anspruch und Haltung des Designers zitiert:

„Es geht … nicht um einen Stil, um Geschmack und Eleganz als einzige ästhetische Parameter. Sie müssen ergänzt werden um die Dimension der Moral. Es heißt, dass mehrere Freunde seine Ästhetik als »eine Form des gesellschaftlichen Widerstandes, aber auch als Bekenntnis zum Wert des Lebens, zu Schönheit, Liebe und Zukunft« bezeichnen, … alle sind sich einig: er verkörpert das Gegenteil von Langeweile und Stagnation. Immer im Umbruch, immer auf der Suche. Guter Geschmack entsteht nur dann, wenn man etwas mitzuteilen hat, so seine Überzeugung. Guter Geschmack und gutes Benehmen sind notwendig, wenn man einen kultivierten Weg gehen will. Beides bedingt sich, beides erwächst aus einer Demut vor der Aufgabe …“

Seine Attitüde und Geschmackssicherheit werden in einer Laudatio von André Heller trefflich fabulierend umschrieben:

„Der Designer Peter Schmidt sei »wahrscheinlich ein burmesischer Italiener, der sich als Deutscher tarnt. Sein Beruf ist das Schlafwandeln durch Territorien des vollkommenen Geschmacks.«“

Auch zum Designprozess gibt es anschauliche Beispiele:

„Das muss nicht zwangsläufig die für den Designer beste Lösung sein, sondern der individuell gestaltete Entwurf, um ihm ein Gefühl der Erneuerung und des Aufbruchs zu geben, das ihn [den Kunden] nicht überfordert. Und trotzdem muss bei ihm der Eindruck entstehen, die Zukunft mit den Fingerspitzen gerade schon berühren zu können. Der Designer hat vielleicht aus seiner Wahrnehmung heraus einen Entwurf vorgelegt, der einen Vorgriff auf die nächsten zehn Jahre beinhaltet Aber während der Präsentation merkt er, dass das Gegenüber maximal fünf Jahre Vorgriff aushält. … „

um dann den Entwurf anzupassen:

„So konnten sie ihrem Auftraggeber das Gefühl geben, durchaus mutig neue Wege zu beschreiten, visionär zu sein, aber ohne die Angst, der Länge nach hinzuschlagen, weil die Größe der Schritte angepasst worden war. Peter Schmidt habe immer höchsten Wert darauf gelegt, Lösungen erst dann zu finden, wenn das Problem bekannt ist. Nicht ein Überstülpen von vorgefertigten Ideen und Vorschlägen, sondern maßgeschneidert entlang der Erfordernisse des jeweiligen Kunden. …“

Alles in allem ein Buch, das mich fasziniert hat und dass ich getrost weiterempfehlen kann – vor allem bibliophil. Das Cover ist erwartungsgemäß von seinem eigenen Designteam „The Studious“ gestaltet. Das Schwarzweißfoto, das den Designer von der Seite am Tisch sitzend zeigt – vor ihm eine Wasserflasche Apollinaris – ist in sorgsam abgestuften Grautönen gehalten. Als aktive Klammer stehen der Buchrücken, die Rückseite des Umschlags, sowie Vor- und Nachsatz in scharfem Rot – eben in genau dem Apollinaris-Rot, dass sein Design so bekannt macht.

Für den Schriftsatz wurde die sehr gut lesbare ITC Legacy Serif verwendet. Die Schrifttype DIN wird in Überschriften, sowie auf dem Cover in dezenten Reliefversalien eingesetzt. Das Papier des Buchblocks ist schneeweiß, unerwartet steif, hat eine sehr angenehme Haptik und eine unverwechselbaren Klang bei Blättern. Die Abbildungen einiger Design-Highlights auf den letzten Seiten des Buches sind auf einem anderen, matt gestrichenem Kunstdruckpapier brilliant wiedergegeben. Bei aller Makellosigkeit des Gesamtwerks hat sich jedoch an drei Stellen ein kleiner Fehlerteufel zu schaffen gemacht, die ich den Herausgebern auf Verlangen gern zeigen werde.

Erstaunt hat mich, dass diese Rezension möglicherweise die erste zu diesem Buch ist. Zumindest habe ich im Internet keine weitere gefunden. Bitte um Hinweise …

Buch bestellen: https://bergundfeierabend.de/peter-schmidt/

14. November 2022
von Joerg Kilian
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K-Pop K-Style

K-Kulturexplosion

Bereits seit den 1990er Jahren ist Korea popkulturell auf dem Vormarsch. „K-Culture“ oder die „Koreanische Welle“ ist seitdem in die globale Kulturszene geschwappt und hat in den letzten Jahren – vor allem wegen der Vernetzung sozialer Medien – zunehmend Fahrt aufgenommen und an Bedeutung gewonnen; im Mainstream vor allem im Bereich Musik (Gangnam Style) und Film (Squid Game). Was ist der K-Style, der mittlerweile alle Kulturräume abdeckt: Kunst, Design, Fashion, Kosmetik, Tatoos, Food, Foto, Industriedesign, Architektur und Interieurarchitektur? Was zeichnet ihn aus? Dieser Frage geht dieses Buch nach und zwar aus der Sicht der Protagonisten der Szene in Seoul.

„Die Anfänge des K-Pop sind älter als die sozialen Medien. Vielleicht sogar älter als das Internet.“

K-Pop, K-Style: Music, Art & Fashion aus Südkorea
von Fiona Bae
aus dem Englischen von DR. Cornelia Panzacchi
Fotografien: less_TAEKYUN KIM
Originaltitel: Make Break Remix. The Rise of K-Style
Edel Books, 2022
Gebunden, 304 Seiten
ISBN 978-3841908193
15,0 x 2,8 x 21,8 cm
EUR 26,-

Das mehr als 300 Seiten starke Buch hat ein halbes Duzend Bildstrecken auf Kunstdruckpapier mit Fotos vom Szenefotografen less_TAEKYUN KIM, der die Stimmungen, rund um das aktuelle Kulturgeschehen in Seoul wunderbar eingefangen hat. Dazwischen gibt es ausführliche Interviews mit tonangebenden Akteuren der K-Culture, die teilweise bereits seit Jahrzehnten dabei sind und die Entwicklungen stark beeinflusst haben. Der Fokus wird dabei auf die Keimzellen der Kultur – die Untergrundszene gesetzt.

„Der K-Style mixt alles Coole mit einer gewissen Dynamik. Das erregt sofortige Aufmerksamkeit.“

Sobald etwas im Mainstream angekommen ist, muss es einen neuen Dreh geben, der für Aufmerksamkeit sorgt. Daraus entstehen zyklische Prozesse der Erneuerung. Es geht darum Grenzen auszutesten. Viele der Akteure sind Autodidakten, die innerhalb der Community ihr Selbstverständnis entwickeln. Korea hat ausgeprägte handwerkliche Traditionen, die gepaart mit der Intuition des Schamanismus und den Werten des Konfuzianismus zu – für westliche Augen – ungewöhnlichen Lösungen führen.

„In der Vergangenheit standen wir vor den Endergebnissen, ohne etwas über den Schaffensprozess zu wissen.“

Um zu verstehen, warum ausgerechnet in diesem kleinen Land, das zwischen China und Japan eingezwängt ist und erst seit 1988 eine Demokratie bekommen hat, eine solche Kulturexplosion stattfindet, muss man die geschichtlichen und kulturellen Hintergründe, aber auch die aktuellen politischen Strategien betrachten. Seit dem globalen Erfolg der K-Culture wird die gesamte Kulturszene mit einem staatlichen Budget in der Größenordnung von 1% des GNP gefördert. Diese Tatsache allerdings, wird in dem Buch nicht erwähnt.

„Die Leute ahmen ständig nach und entfernen sich so immer weiter von Originalität und kreativer Identität.“

Die meisten der koreanischen Akteure haben ihre Wurzeln im Ausland, dort studiert oder gelebt. Die Verbindungen zu den USA und Japan sind dabei am stärksten. Die koreanische Gesellschaft ist sehr traditionell und homogen und wird durch die K-Culture stark herausgefordert. Allerdings führt genau diese Reibung zu der Innovation, die hier täglich stattfindet. Die Szene der Kulturschaffenden ist trotz ihrer Schnelllebigkeit und vermeintlichen Oberflächlichkeit sehr stabil und wird von großer Solidarität getragen.

„Viele Idole haben eine gewisse Wirkung. Jedes Produkt, mit dem sie gesehen werden, ob es Chips oder Papiertaschentücher sind, verkauft sich wie von selbst.“

Die Autorin Fiona Bae ist in Korea aufgewachsen, hat dort an der Yonsei-Universität studiert, lebt und arbeitet seitdem überall auf der Welt und wirbt leidenschaftlich für die Kultur ihres Landes. Nach Stationen in New York und Hongkong lebt die PR-Beraterin derzeit in London, von wo aus sie kulturelle Brücken zwischen Korea und dem Rest der Welt schlägt. Sie organisiert internationale Events und berichtet in der englischsprachigen Presse über das Stadtleben und die Design- und Kunstszene von Seoul.

„Die koreanischen Modemarken müssen heute nicht einfach nur Kleidungsstile herstellen, sondern außerdem laufend neue Modelle anbieten, um als Marke direkt mit dem Kunden zu kommunizieren.“

Die deutsche Ausgabe des Buchs ist bei Edel Books erstaunlicherweise einige Wochen vor der englischen Originalversion „Make Break Remix. The Rise of K-Style“ (erscheint am 22. November 2022 bei Thames & Hudson) herausgegeben worden. Dass das Original von der Koreanerin Fiona Bae auf Englisch verfasst, und dann ins Deutsche übertragen wurde, merkt man dem Text durchaus an. Er wirkt recht glatt und nüchtern, oft unemotional abgespult, ohne jegliche sprachliche Finesse, was jedoch der Authentizität der Interviews nicht schadet. Als Satzschrift wurde eine sehr schlichte Grotesk gewählt, die gut lesbar ist, jedoch durch ein unproportional gestaltetes „ß“ auffällt.

„Beim K-Style geht es darum, der eigenen Stimme Ausdruck zu verleihen.“

Mir hat das Buch so gut gefallen, dass ich es ganz fasziniert an einem Tag durchgelesen habe. Zu Intensiverung der Stimmung habe ich dabei eine Playlist des aktuellen K-Pop gehört. Als Designer bin ich weder besonders musikaffin noch habe ich sublime Kenntnis der koreanischen Kultur, bekomme jedoch durch dieses Buch einen kleinen Einblick in die Kulturexplosion Koreas, den ich mit Sicherheit vertiefen werde. Eine Reise nach Seoul steht in den kommenden Jahren an …

Buch bei Hugendubel bestellen:

https://www.hugendubel.de/de/buch_gebunden/fiona_bae-k_pop_k_style-42432362-produkt-details.html

11. Oktober 2022
von Joerg Kilian
120 Kommentare

Melancolia

Zaubrische Tagträume

Wir blicken in die phantastisch poetischen Innenwelten eines 15-jährigen Jungen, der im sowjetsozialistischen Bukarest aufwächst und die Geheimnisse und Wahrnehmungen seiner Existenz auf magisch realistische Weise beschreibt. Ein außergewöhnlicher Coming-of-Age-Roman, der einen mit seinen wortgewaltigen Arabesken und hypnotischen Bildern geradezu verschlingt. Etwas Vergleichbares habe ich noch nie gelesen. Die phantastischen Paralleluniversen eines García Márquez oder Murakami wirken dagegen fast harmlos. Der Dichter schreibt so, wie ich schreiben würde, wenn ich es könnte.

Melancolia
Erzählungen
von Mircea Cărtărescu
aus dem Rumänischen von Ernest Wichner
Cover-Illustration von Daniel Wimmer
Zsolnay Verlag, 2022
Gebunden, 272 Seiten
ISBN 978-3552073050
13,4 x 3 x 20,8 cm
EUR 25,- eBook EUR 18,99

Angesprungen hat mich das Werk wegen des grafischen Titels „Melancolia“ und der Cover-Illustration, einem Gemälde von Daniel Wimmer, das einen Jungen in Badehose zeigt, der in unnachahmlichen Haltung dem Betrachter im Vorbeigehen ein Geheimnis – oder aber nur etwas Freches – zuzurufen scheint. Vielleicht aber meditiert er nur, mit geschlossenen Augen. Melancolia ist auch der Titel eines Stichs von Albrecht Dürer, der mich von jeher fasziniert hat. Melancholie wird heute weitestgehend durch den Begriff Depression ersetzt.

Melancolia ist das jüngste Buch des Rumänen Mircea Cărtărescu, der wichtigste Schriftsteller seiner Heimat und als Kandidat für den diesjährigen Literaturnobelpreis benannt. Er wuchs in sehr einfachen Verhältnissen auf; sein spiegelbildlicher Zwillingsbruder verstarb im Kleinkindalter. Die Erzählungen in Melancolia atmen in jeder Zeile Einsamkeit und Verwaisung, aber auch Verwunderung und Staunen über das blanke Dasein. Man merkt in den Erzählungen, dass sich der Autor zeitlebens mit Poesie beschäftigt hat.

Der Prolog des Buches entführt uns in eine kaleidoskopische Traumwelt, die einem Bild M. C. Eschers entsprungen scheint, in der der Protagonist das Universum zum Tanz herausfordert. Im Hauptteil wird die melancholische Welt des autistisch erscheinenden Jugendlichen ausgebreitet. In allen Details werden die Stimmungen visualisiert, so dass man Innen nicht mehr vor Außen unterscheiden kann. Nur in kleinen Portionen lassen sich die Passagen verdauen ohne, dass Einem schwindlig wird; die Orientierung verliert.

Während Mutter und Vater nur als imaginierte Überpersonen auftauchen, trifft der Erzähler erst im Mittelteil des Buches auf einen echten Menschen, ein gleichaltriges Mädchen, in dessen Gegenwart er sich wirklich fühlt; fast lebendig. Durch das feminine Gegenüber erhält er eine Identität und kann sich, sein Dasein, seine Gefühle und adoleszenten Unsicherheiten erstmalig spiegeln. Unbekannte Sehnsüchte erwachen in ihm, die zu atemberaubenden Schilderungen einer metamorphen Wandlung auf dem Weg zum Erwachsen führen.

Der Epilog schließt am Ende den Kreis zum Tanz des Prologs. Zusammen mit dem Erzähler durchs All taumelnd, ahnen wir zu wissen, dass wir nichts wissen und ewig suchen werden, ohne je ans Ende zu gelangen. Ich lese wie ein Verdurstender auf der Suche nach Erlösung. Die letzten Worte lassen mich in Tränen zerfließen. Wer Freude daran hat, sich an philosophischen Gedankenströmen und mittels Sprache erzeugten synästhetischen Bildern und Stimmungen zu berauschen, sei dieses außergewöhnlich poetische Buch empfohlen.

Hier noch einige Goldkörner aus dem Text:

„Die Küche war hell, am Morgen beinahe durchsichtig, wurde leblos gegen Mittag und wie eine Zeichnung, während abends sich das Licht darin beinahe blutrot verfinsterte und die Wände mit dunkel bernsteinfarbenen Streifen überzog. Manchmal verharrte das Kind stundenlang, um den Einfluss dieser Lichtveränderungen auf das Muster des Wachstuchs auf dem Küchentisch zu beobachten: Stieglitze, Kanarienvögel, blaue Vögel mit unbekanntem Namen, die sich mit Maden und Hirschkäfern abwechselten. Er hatte es geschafft, den genauen Zeitpunkt zu erwischen, an dem die Zeichnung dreidimensional wurde und sich so schön über dem Tisch erhob, dass man glauben mochte, die Insekten und Vögel seien lebendig. Spät abends, wenn die Sonne hinter der Fabrik versank, blieb von dem Wachstuch nur noch ein verdämmernder Glanz im Halbschatten der Stube sowie der plötzlich wie eine aufgeblühte Magnolie in der ganzen Küche sich ausbreitende chemische Geruch.“

„Unbegreiflich welkte das Licht auf den Abend hin.“

„Im Flur herrschte eine matte Stille von vor dem Erscheinen der Ohren auf der Welt.“

„Und nun begannen die Schatten auch noch zu sprechen, mehr noch, mit hoher und triumphierender Cembalo-Stimme zu singen, denn der Junge, über sie gebeugt, das Haar herabbaumelnd und glänzend, sprach nun, sang nun mit zwei Stimmen zugleich, als hätten sich in seiner kleinen rosa Kehle die Stimmbänder getrennt und unterschiedliche Partituren überreicht bekommen.“

„Er schaute sie vor allem total verwundert an, wunderte sich nicht allein über ihre Haare aus rotem Draht, die in alle Richtungen abstanden, sondern auch über die Tatsache, dass sie sprach, dass sie ihre Finger bewegen konnte, dass ihr Herz schlug, dass sie, wenn sie durch den Hof ging eine Strecke zurücklegte, dass sie jeden Tag mit ihm eine halbe Stunde älter wurde.“

„Die Luft strömte wie ein sehr schnelles Wasser durch den Canyon der leeren Straße. Den feuchten Fassaden fehlte der gewohnte Kontrast von Licht und Schatten: Sie wirkten verdrießlich, da und dort von einem ungesunden Ausschlag befallen.“

„… wo nähmen sie die Wärme eines Atemzugs her, den es braucht, um den kristallinen Film aufzutauen, damit die Wörter von einem Mund zum anderen zirkulieren und lebendig werden können?“

Und, da ich kein Rumänisch kann, darf ich nur mutmaßen, dass dem Übersetzer Ernest Wichner eine meisterhafte Übersetzung gelungen ist. Leider sind allerdings der deutschen Schlusskorrektur mehr als zwei-drei Kleinigkeiten durchgerutscht.

Eine Bemerkung noch: Ich habe Melancolia als eBook gelesen. Abwechselnd auf drei verschiedenen Endgeräten (Computerbildschirm, Notepad und Smartphone). Immer häufiger lese ich digital, nicht nur weil ich bequemer zitieren kann, sondern weil ich meine, damit nachhaltiger zu lesen. Aber ist das wirklich so? Wenn ich den Stromverbrauch aller Stunden, die ich lese, zusammenrechne – zusätzlich noch die Energie, die nötig ist, um das eBook zur Verfügung zu stellen, herunterzuladen und zu speichern; kommt da am Ende der Ökobilanz nicht doch mehr zusammen, als bei der Herstellung und dem Vertrieb eines gebundenen Exemplar des Buchs verbraucht wird?

Leseprobe oder gleich hier bestellen …

Gebrauchtes Exemplar suchen …

Andere Rezensionen von Melancolia:

https://www.perlentaucher.de/buch/mircea-cartarescu/melancolia.html
https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/plus241181583/Mircea-Cartarescus-Melancolia-Nobelpreiswuerdiges-Erzaehlen.html
https://www.sn.at/kultur/allgemein/symbolbehaftete-maerchen-mircea-cartarescus-melancolia-127552399
https://www.lovelybooks.de/autor/Mircea-Cartarescu/Melancolia-4849458804-w/

Cover Artist Daniel Wimmer https://www.wida-art.com

18. April 2022
von Joerg Kilian
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Nachruf auf mich selbst.

Am Ende wird alles gut.

Und wenn es nicht gut wird, ist es noch nicht das Ende. Harald Welzers bisher emotionalstes, sympathischstes und wichtigstes Buch in dem man viel von seiner Biografie erfährt. Auch ist es ein Rundumschlag, der das Leben, wie wir es kennen komplett in Frage stellt. Ein halbes Jahr vor dem Ukraine-Krieg erschienen, spiegelt sich darin bereits dieses Ereignis. Denn es geht um Endlichkeit, es geht um den Tod und das Ende. Unsere Gesellschaft hat unendliche Probleme, damit aufzuhören, immer wieder die gleichen Rezepte zu empfehlen.

„Aufhören ist als Kulturtechnik stark unterbewertet“

Nachruf auf mich selbst.
Die Kultur des Aufhörens
von Harald Welzer
S. FISCHER Verlag, 2021
Gebunden, 288 Seiten
ISBN 978-3103971033
13,6 x 2,65 x 21 cm
EUR 22,-

Im Herbst 2016 war ich bei einem Projekt in Peking im Rahmen einer Recherche auf die mir unbekannte Designdisziplin „Transformationsdesign“ gestoßen, deren Protagonist Prof. Harald Welzer an der Universität von Flensburg lehrt. Zurück in Hamburg suchte ich weiter und fand einige interessante Publikationen, auch „Transformationsdesign“, die mich in einige Anspekten stark ansprachen.

„Im Großen und Ganzen ist Transformationsdesign ein menschzentrierter, interdisziplinärer Prozess, der darauf abzielt, wünschenswerte und nachhaltige Verhaltens- und Formänderungen von Individuen, Systemen und Organisationen zu bewirken. Es ist ein mehrstufiger, iterativer Prozess zur Anwendung von Designprinzipien auf große und komplexe Systeme.“

Wikipedia (aus dem Englischen übersetzt)

Dann bekam ich Weihnachten 2019 von einem Freund das Buch „Alles könnte anders sein“ von Harald Welzer geschenkt. Der Freund hatte mir folgende Widmung in das Buch geschrieben: „Damit alles wird wie es bleibt“; ein Satz auf dem man eine Weile herumkauen kann. Wenige Tage später hatte ich Gelegenheit, den Autor des Buches auf einer Veranstaltung in Hamburg selbst kennen zu lernen und mir mein Exemplar signieren zu lassen. Dann kam Corona …

Ein Freund zeigte mir im Frühjahr 2022 das SPIEGEL-Interview mit Harald Welzer; über sein neues Buch „Nachruf auf mich selbst.“ Der Punkt hinter diesem Titel, der kein vollständiger Satz ist, soll wahrscheinlich andeuten, dass es keine weiteren Nachrufe geben wird!? An mir war komplett vorbei gegangen, dass der Autor im April 2020, gleich im ersten Lockdown, einen schweren Herzinfarkt erlitten hatte.

Mein Freund lehnt Welzer komplett ab, er sei ihm zu elitär, zu abgehoben und arrogant. Ich hingegen bewundere ihn genau wegen dieser eleganten Arroganz, weil er mit dem was er und wie er es sagt, absolut auf dem rechten Weg ist. Ich wollte das neue Buch unbedingt lesen und bestellte mir ein gebrauchtes Exemplar. Was ich sonst nicht mache: Ich begann mitten im Buch zu lesen und zu blättern …

Dann begann ich mit dem Kapitel: „Nachruf auf mein zu lebendes Leben“ das konkret das Nahetod-Erlebnis des Herzinfarkts behandelt und alles was sich daraus ergab. Welzer beschreibt seine Erfahrung so plastisch, gleichzeitig distanziert und mit solcher Selbstverständlichkeit, als wenn es nicht um ihn selbst ginge, sondern um eine dritte Person.

Das Buch handelt von der Endlichkeit, mit der wir alle früher oder später konfrontieret sein werden und auf die wir durch unsere Sozialisierung gar nicht bis ungenügend vorbereitet sind. Daher der Untertitel „Die Kultur des Aufhörens“. Es ist voller spannender paradoxal klingender Titel und Sätze, die die Neugier wecken.

Sehr schön ist im zweiten Kapitel eine Reihe von biografischen Portraits von Personen, die der Autor bewundert, für ihre Fähigkeiten die eigene Biografie bewusst zu hinterfragen, aufzuhören und etwas ganz anderes Neues zu beginnen oder mit ihrem Lebenswerk auf etwas Wesentliches zu beschränken. Im drittel Kapitel hat der Autor 15 Wünsche aufgeschrieben, die mit dem Satz beginnen: „Ich möchte, dass auf meinem Grabstein steht: …“ Das vierte Kapitel besteht aus wertvollen Merksätzen, Anmerkungen und Danksagungen.

Die vielen Unterkapitel sind wie Stationen einer Reise durch unterschiedliche kulturelle und philosophische Aspekte, wie wir das Leben und den Tod sehen, erleben und verstehen lernen können. Der Text ist somit viel persönlicher und weniger politisch als seine Vorgänger, von tiefem Erleben und Erkennen geprägt. Ein Satz hat mich besonders beeindruckt: „Was aufhören muss, ist voher wichtig.“ In ihm steckt die Weisheit eines Zen-Meisters.

Mein Vater hat immer gesagt, dass man eine Party dann verlassen sollte, wenn sie am Schönsten ist. Nur unsere Gesellschaft des „höher, schneller, weiter“ kennt keine Grenzen und kein maß. Sie versucht das erlebte Gute und extrem Gute immer noch weiter zu steigern und zu toppen. Das funktioniert auf Dauer jedoch nicht, weder für den Einzelnen, noch für die Gemeinschaft.

Welzer ruft nie zu Verzicht auf, sondern zu Mäßigung und grundsätzlichem Hinterfragen, ob das was wir machen, überhaupt einen Sinn ergibt, oder ob man es ganz anders – lebenswerter – machen könnte.

„Soweit ich sehe, gibt es auch keine wissenschaftliche Disziplin, die sich mit der Endlichkeit menschlicher Bemühungen befasst. Zwar gibt es Regalmeter apokalyptischer Schriften, nicht nur aus der esoterischen Abteilung, sondern vor allem aus der öko- und klimatologischen, aber die enden dann alle nicht mit einem »Lasst fahren dahin«, sondern mit dem unvermeidlichen »Es ist noch nicht zu spät.« Und dann folgen ebenso unvermeidlich »die gemütlichen kleinen Gesten des Fahrradfahrens, Energiesparlampen-Benutzens, Kurzduschens und Elektrogeräte-Reparierens«, wie Eva Horn angemessen wütend formuliert. Das Ende und die Endlichkeit kommen nur unwissenschaftlich vor, in der Lebenserfahrung, in der Literatur oder in der Kunst. Und, natürlich, in der Religion und damit in der Apokalypse. In der wissenschaftlich-technischen Welt gibt es dafür keinen Platz, was ungünstig für den Fall ist, in dem man es tatsächlich mit einem Endlichkeitsproblem zu tun hat.“

Seite 24

Ich habe das Buch in einem Rutsch durchgelesen und blättere noch häufig darin. In der Zwischenzeit habe ich es vielen Menschen empfohlen und geliehen. Daher musste ein zweites gebrauchtes Exemplar her, das ich heute am Ostermontag einem guten Freund vorbeibringen werde. Denn es ist vielleicht das wichtigste Buch des vergangenen Jahres und die darin enthaltenen Botschaften müssen unter die Menschen kommen …

Leseprobe und Inhaltsverzeichnis

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