DREAMBOOK

Buchbesprechungen – keine Verrisse …

18. April 2022
von Joerg Kilian
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Nachruf auf mich selbst.

Am Ende wird alles gut.

Und wenn es nicht gut wird, ist es noch nicht das Ende. Harald Welzers bisher emotionalstes, sympathischstes und wichtigstes Buch in dem man viel von seiner Biografie erfährt. Auch ist es ein Rundumschlag, der das Leben, wie wir es kennen komplett in Frage stellt. Ein halbes Jahr vor dem Ukraine-Krieg erschienen, spiegelt sich darin bereits dieses Ereignis. Denn es geht um Endlichkeit, es geht um den Tod und das Ende. Unsere Gesellschaft hat unendliche Probleme, damit aufzuhören, immer wieder die gleichen Rezepte zu empfehlen.

„Aufhören ist als Kulturtechnik stark unterbewertet“

Nachruf auf mich selbst.
Die Kultur des Aufhörens
von Harald Welzer
S. FISCHER Verlag, 2021
Gebunden, 288 Seiten
ISBN 978-3103971033
13,6 x 2,65 x 21 cm
EUR 22,-

Im Herbst 2016 war ich bei einem Projekt in Peking im Rahmen einer Recherche auf die mir unbekannte Designdisziplin „Transformationsdesign“ gestoßen, deren Protagonist Prof. Harald Welzer an der Universität von Flensburg lehrt. Zurück in Hamburg suchte ich weiter und fand einige interessante Publikationen, auch „Transformationsdesign“, die mich in einige Anspekten stark ansprachen.

„Im Großen und Ganzen ist Transformationsdesign ein menschzentrierter, interdisziplinärer Prozess, der darauf abzielt, wünschenswerte und nachhaltige Verhaltens- und Formänderungen von Individuen, Systemen und Organisationen zu bewirken. Es ist ein mehrstufiger, iterativer Prozess zur Anwendung von Designprinzipien auf große und komplexe Systeme.“

Wikipedia (aus dem Englischen übersetzt)

Dann bekam ich Weihnachten 2019 von einem Freund das Buch „Alles könnte anders sein“ von Harald Welzer geschenkt. Der Freund hatte mir folgende Widmung in das Buch geschrieben: „Damit alles wird wie es bleibt“; ein Satz auf dem man eine Weile herumkauen kann. Wenige Tage später hatte ich Gelegenheit, den Autor des Buches auf einer Veranstaltung in Hamburg selbst kennen zu lernen und mir mein Exemplar signieren zu lassen. Dann kam Corona …

Ein Freund zeigte mir im Frühjahr 2022 das SPIEGEL-Interview mit Harald Welzer; über sein neues Buch „Nachruf auf mich selbst.“ Der Punkt hinter diesem Titel, der kein vollständiger Satz ist, soll wahrscheinlich andeuten, dass es keine weiteren Nachrufe geben wird!? An mir war komplett vorbei gegangen, dass der Autor im April 2020, gleich im ersten Lockdown, einen schweren Herzinfarkt erlitten hatte.

Mein Freund lehnt Welzer komplett ab, er sei ihm zu elitär, zu abgehoben und arrogant. Ich hingegen bewundere ihn genau wegen dieser eleganten Arroganz, weil er mit dem was er und wie er es sagt, absolut auf dem rechten Weg ist. Ich wollte das neue Buch unbedingt lesen und bestellte mir ein gebrauchtes Exemplar. Was ich sonst nicht mache: Ich begann mitten im Buch zu lesen und zu blättern …

Dann begann ich mit dem Kapitel: „Nachruf auf mein zu lebendes Leben“ das konkret das Nahetod-Erlebnis des Herzinfarkts behandelt und alles was sich daraus ergab. Welzer beschreibt seine Erfahrung so plastisch, gleichzeitig distanziert und mit solcher Selbstverständlichkeit, als wenn es nicht um ihn selbst ginge, sondern um eine dritte Person.

Das Buch handelt von der Endlichkeit, mit der wir alle früher oder später konfrontieret sein werden und auf die wir durch unsere Sozialisierung gar nicht bis ungenügend vorbereitet sind. Daher der Untertitel „Die Kultur des Aufhörens“. Es ist voller spannender paradoxal klingender Titel und Sätze, die die Neugier wecken.

Sehr schön ist im zweiten Kapitel eine Reihe von biografischen Portraits von Personen, die der Autor bewundert, für ihre Fähigkeiten die eigene Biografie bewusst zu hinterfragen, aufzuhören und etwas ganz anderes Neues zu beginnen oder mit ihrem Lebenswerk auf etwas Wesentliches zu beschränken. Im drittel Kapitel hat der Autor 15 Wünsche aufgeschrieben, die mit dem Satz beginnen: „Ich möchte, dass auf meinem Grabstein steht: …“ Das vierte Kapitel besteht aus wertvollen Merksätzen, Anmerkungen und Danksagungen.

Die vielen Unterkapitel sind wie Stationen einer Reise durch unterschiedliche kulturelle und philosophische Aspekte, wie wir das Leben und den Tod sehen, erleben und verstehen lernen können. Der Text ist somit viel persönlicher und weniger politisch als seine Vorgänger, von tiefem Erleben und Erkennen geprägt. Ein Satz hat mich besonders beeindruckt: „Was aufhören muss, ist voher wichtig.“ In ihm steckt die Weisheit eines Zen-Meisters.

Mein Vater hat immer gesagt, dass man eine Party dann verlassen sollte, wenn sie am Schönsten ist. Nur unsere Gesellschaft des „höher, schneller, weiter“ kennt keine Grenzen und kein maß. Sie versucht das erlebte Gute und extrem Gute immer noch weiter zu steigern und zu toppen. Das funktioniert auf Dauer jedoch nicht, weder für den Einzelnen, noch für die Gemeinschaft.

Welzer ruft nie zu Verzicht auf, sondern zu Mäßigung und grundsätzlichem Hinterfragen, ob das was wir machen, überhaupt einen Sinn ergibt, oder ob man es ganz anders – lebenswerter – machen könnte.

„Soweit ich sehe, gibt es auch keine wissenschaftliche Disziplin, die sich mit der Endlichkeit menschlicher Bemühungen befasst. Zwar gibt es Regalmeter apokalyptischer Schriften, nicht nur aus der esoterischen Abteilung, sondern vor allem aus der öko- und klimatologischen, aber die enden dann alle nicht mit einem »Lasst fahren dahin«, sondern mit dem unvermeidlichen »Es ist noch nicht zu spät.« Und dann folgen ebenso unvermeidlich »die gemütlichen kleinen Gesten des Fahrradfahrens, Energiesparlampen-Benutzens, Kurzduschens und Elektrogeräte-Reparierens«, wie Eva Horn angemessen wütend formuliert. Das Ende und die Endlichkeit kommen nur unwissenschaftlich vor, in der Lebenserfahrung, in der Literatur oder in der Kunst. Und, natürlich, in der Religion und damit in der Apokalypse. In der wissenschaftlich-technischen Welt gibt es dafür keinen Platz, was ungünstig für den Fall ist, in dem man es tatsächlich mit einem Endlichkeitsproblem zu tun hat.“

Seite 24

Ich habe das Buch in einem Rutsch durchgelesen und blättere noch häufig darin. In der Zwischenzeit habe ich es vielen Menschen empfohlen und geliehen. Daher musste ein zweites gebrauchtes Exemplar her, das ich heute am Ostermontag einem guten Freund vorbeibringen werde. Denn es ist vielleicht das wichtigste Buch des vergangenen Jahres und die darin enthaltenen Botschaften müssen unter die Menschen kommen …

Leseprobe und Inhaltsverzeichnis

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Gebrauchtes Exemplar suchen

13. April 2022
von Joerg Kilian
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Corona, Klima, Gendergaga

Hilft selber denken noch?

Auf Bücher stoße ich nie zufällig. Sie liegen immer zur rechten Zeit auf meinem Weg. Neulich bin ich durch einen Facebook-Post auf einen Titel aufmerksam geworden, der mich sofort in seinen Bann zog. Sogleich habe ich in einer digitalen Kopie des Buchs zu lesen begonnen und fühle mich in Form und Inhalt absolut angesprochen und in meiner Wahrnehmung bestätigt.

CORONA, KLIMA, GENDERGAGA
Der große Aufbruch in eine Welt ohne Vernunft
von Ramin Peymani
BoD – Books on Demand, 2022
Broschiert, 180 Seiten
ISBN 978-3755776369
14,8 x 1,07 x 21 cm
EUR 12,95 | epub eBook EUR 7,99

Aber habe ich Mut genug diese Rezension zu schreiben, Angst vor dem Applaus von der falschen Seite? Was, wenn ich mit meinen Gedanken anstoße, unreflektiert im Lager der „Querdenker“ verortet werde? Warum mache ich mir Sorgen, als „Corona-Leugner“ oder „unbelehrbarer Ewiggestriger“ abgekanzelt zu werden? Mal ehrlich: Gehört heutzutage Mut dazu, seine verfassungsmäßig garantierten Rechte zu nutzen?

Nein, es gehört Mut dazu, sich in der Ukraine unbewaffnet einem russischen Panzer entgegen zu stellen, jedoch nicht hier seine Meinung zu äußern. Dazu sollte Jede und Jeder sich aufgerufen fühlen, um unser freiheitliches System, unsere Demokratie, all das, was wir uns seit der Gründung der Bundesrepublik an Freiheitsrechten errungen haben, zu schützen. Es ist unsere Pflicht als Bürger, als „Citoyen“, als Menschen, als denkende Wesen!

Das Buch befasst sich umfassend kritisch mit der gesellschaftlichen, politischen und sozialen Entwicklung der letzten beiden Jahrzehnte – insbesondere jedoch mit deren Auswirkungen innerhalb der letzten zwei Jahre: Deutschland im Spiegel von Europa und der Welt. Der Titel weist auf die Fokusthemen hin, mit denen wir täglich bombardiert werden, als wenn es nichts anderes Wichtiges mehr gäbe und die alle Maßnahmen der Regierenden zu rechtfertigen scheinen.

Als das Buch im Februar 2022 veröffentlicht wurde, ahnte wahrscheinlich nicht mal der Autor, dass nur Tage später Russland die Ukraine überfallen und dem Themenkreis weitere Brisanz hinzufügen würde. In ihrem Gastbeitrag beschreibt Vera Lengsfeld in einem nüchternen, unaufgeregten jedoch einprägsamen und empathischen Ton, die Gefahren die uns aus der Aufweichung unserer Grundrechte durch die Regierenden drohen:

„Aber allzu schnell hat die Politik Gefallen an der neuen Macht gefunden. … Statt die verhängten Maßnahmen zu evaluieren, also auf ihre Sinnhaftigkeit zu prüfen, werden sie einfach weiter in immer schärferen Formen verhängt und immer härtere Zwangsgelder gefordert. …“

Ramin Peymani, Ex-Banker und Fußballfunktionär ist heute Privatier und publiziert seit Jahren kritische Bücher zu gesellschaftlichen und politischen Themen. Ich kenne die anderen Bücher nicht, gewinne jedoch bei diesem den Eindruck, dass der Autor über Jahre, wenn nicht Jahrzehnte unsere Regierungen scharf beobachtet und recherchiert hat. Die präsentierten Fakten kann ich zwar nicht überprüfen, stimmen jedoch mit meinen Eindrücken überein.

In den vergangenen Jahren gab es viele aufrüttelnde Titel wie „Wenn nicht wir, wer dann“ oder „Erzürnt Euch!“. In dieser Tradition steht auch dieses Buch: Ein zorniger Fanal gegen die Dummheit der Welt. Die Illustration des Covers zeigt einen wahrhaft erzürnten Dämon, der fast an dem Wortwust in seinem Maul erstickt. Im Stil sicher, im Ton empört, spöttelnd bis sarkastisch, oft an der Grenze zum Polemischen, schleudert der Autor seine Sätze heraus:

„Den Fanatikern, die das ökosozialistische Utopia für real existierend halten und den Umbau der Gesellschaft zu einer kollektivistischen Schafherde anstreben, ist kein Manöver zu plump im verzweifelten Versuch, ihre zum Scheitern verurteilten Marxismus-Phantasien Wirklichkeit werden zu lassen.“

In anderen Passagen wiederum, weht einem der Wind einer Demokratie-Nostalgie entgegen:

“Verstehen Sie dieses Buch als ungeschönte Aufzeichnung des Aufbruchs in eine neue Zeitrechnung. Wenn einst das digitale Gedächtnis kritischer Autoren gelöscht sein wird, gibt es hoffentlich irgendwo auf einem Speicher (Anmerkung des Rezensenten: gemeint ist hier der Hochboden – nicht der digitale Speicher) ein nicht verbranntes Exemplar von „Corona, Klima, Gendergaga“, das die Ungeheuerlichkeiten unserer Zeit für die Nachwelt zugänglich macht.“

Das Buch ist in mehr als fünfzig Kapitel gegliedert, die selten mehr als zwei-drei Seiten lang sind. Dadurch wird der Inhalt thematisch gut gegliedert (Inhaltsverzeichnis, PDF 98 KB). Die einzelnen Kapitel haben die Charakter von Artikeln, wie sie der Autor auch in seinem Blog „Liberale Warte“ verfasst. Der Bogen spannt von bürgerrechtlichen Überlegungen bis hin zu gesellschaftlich-philosophischer Kritik. Ich habe nur etwa 100 Seiten, des mehr als 180 Seiten starken Buches, durchgehend gelesen; den Rest nur quer und erratisch. Layout und Schrift sind lesefreundlich.

Im letzten Absatz schreibt der Autor:

„Was bleibt, ist die Hoffnung, die sanft Schlummernden mögen irgendwann erkennen, dass der jahrelange Selbstbetrug ihre Lage verschlimmert hat. Vielleicht können Regierungen dann Kritiker nicht mehr folgenlos niederknüppeln lassen. Vielleicht siegt tatsächlich die Demokratie. Vielleicht wird doch alles wieder gut. Ich zweifle. Sagen Sie mir, warum ich falsch liege. Ich bin müde.“

Ich denke, dass sich auf Sicht die Transformation zu einer neuen Weltordung, dem im Buch angesprochenen „Great Reset“, nicht aufhalten lässt. Die von Menschen selbst geschaffenen Fakten lassen unvermeidbare Zwangsläufigkeiten erkennen. Wie jedoch eine globale Gesellschaft mit einer Weltregierung aussehen wird, bleibt nach wie vor gestaltbar. Die Entscheidung darüber, wer diese Gestaltung übernimmt, sollten wir nicht „denen da oben“ überlassen.

Unsere Gesellschaft ist bereits in Lager gespalten: Einerseits eine dominierende Masse, die dem Mainstream folgt, andererseits kleine Minderheiten, die Gegenpositionen dazu aufbauen. Neben diesen beiden gibt es jedoch immer noch eine große Anzahl von Menschen, die sich weder hier noch dort wohlfühlen und alles hinterfragen, die kritisch denken und – in wenigen Fällen – auch so äußern. Für diese Menschen ist dieses Buch gemacht …

Pressetext, Leseprobe und Bestellung bei Hugendubel

14. März 2022
von Joerg Kilian
121 Kommentare

Stumme Erde

Fünf nach Zwölf?

Wer frühere Bücher des Autors gelesen hat, wird bald feststellen, dass „Stumme Erde“ keine erheiternde Lektüre ist, sondern ein heftiger Weckruf. Während „Und sie fliegt doch“, einen munter erzählten Einblick in die faszinierende Welt der Hummel gibt, dominieren in dem vorliegenden Werk die düsteren Töne. Auch wenn Sie kein besonderes Interesse an Insekten haben und diese sogar als lästig oder unnütz empfinden, sind genau diese Tiere aus Sicht des Autors der Schlüssel zum Verständnis komplexer Prozesse in unserer Umwelt.

Er spannt den Bogen aber noch weiter und zeigt wie unterschiedliche Lebensformen – von Bakterien und Viren bis hin zu Säugetieren, wie dem Menschen – so eng miteinander verflochten sind, dass das Überleben der Menschheit davon abhängig ist. Bekanntermaßen kann die Erde ja ohne uns Menschen klarkommen, wir jedoch ohne Erde …?

STUMME ERDE
Warum wir die Insekten retten müssen
Dave Goulson, deutsch von Sabine Hübner
Gebundene Ausgabe EUR 25,00
Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, 2022
Zweite Edition, 14. März 2022
368 Seiten
15,3 x 3 x 21,8 cm
ISBN 978-3446272675

Seit seinem achten Lebensjahr hat sich der promovierte Biologe mit Professur an der Universität von Sussex in Südengland – intensiv mit Insekten beschäftigt. Der seit Jahrzehnten zu beobachtende Rückgang der Artenvielfalt – nicht nur bei Insekten – hat ihn bereits lange beschäftigt. Kaum ein Anderer, als „Hummel-Papst“ Dave Goulson, ist berufen, diese komplexe Thematik für uns zu beleuchten und zu deuten.

Der Titel des Buches bezieht sich auf das bereits 1963 erschienene Buch „Der stumme Frühling“ von Rachel Carson, in dem die amerikanische Autorin unseren Umgang mit der Umwelt anprangert. Wir befinden uns im Anthropozän (ja, auch ich hasse dieses Wort), dem Zeitalter, das vor zehntausend Jahren begann und durch das nachweisbare Wirken der Menschen auf unseren Planeten definiert wird.

Die fortschreitende Expansion der Zivilisation mit ihren materiellen Bedürfnissen bringt die bisherigen natürlichen Lebensvorgänge auf der Erde zunehmend aus dem Gleichgewicht.
Nach einem Einblick in die Entwicklungsgeschichte der Insekten, zeichnen die ersten Kapitel des Buches ein alarmierendes Bild des sich immer weiter beschleunigenden Artensterbens. Die qualitative und quantitative Abnahme der Biodiversität wird vom Autor detailliert erklärt, unterstützt von grafischen Darstellungen und den Ergebnissen fundamentaler Studien der vergangenen Jahrzehnte. Soweit möglich, zieht er daraus Schlüsse und klärt Ursachen und Zusammenhänge.

Im mittleren Teil des Buches wird die kämpferische Haltung des Autors sichtbar, indem er uns mitnimmt in die Vielzahl von juristischen und politischen Prozessen, an denen er als Advokat der Natur teilgenommen hat. Hier geht es um intensive Landwirtschaft, namentlich Pestizid, Düngemittel. Aber auch um die Abnahme der Biosphären, den Klimawandel und andere technologische und lebensfeindliche Entwicklungen, die wir zunehmend wahrnehmen.

Am Ende jeden Kapitels, gibt es dann doch ein etwas erheiterndes „Bonbon“. In dem aus seinen bisherigen Büchern gewohnten anekdotischen Stil, werden einzelne Insektenspezies mit besonders faszinierenden Eigenschaften vorgestellt.

Nach einer ziemlich dystopischen – jedoch sehr realistischen Vision – die der Autor aus der Ich- Perspektive eines Millennium-Geborenen erzählt, kann dann der letzte Teil des Buches mit einem Katalog von Maßnahmen aufwarten, wie jede Einzelne von uns in allen Bereichen unseres Lebens etwas dazu beitragen kann, dass es vielleicht doch nicht so schlimm kommt, wie in den düstersten Prognosen.

Zurückdrehen lässt sich die Entwicklung zwar nicht, jedoch wäre es möglich, dass die Uhr doch erst fünf vor Zwölf zeigt und wir heilsame Prozesse ingangsetzen können. Entscheidend dafür ist jedoch das Bewusstsein dafür in die Öffentlichkeit zu tragen, dass jetzt gehandelt werden muss.

Essayistisch und immer stilsicher, jedoch auf wissenschaftliche Korrektheit bedacht, gibt uns Dave Goulson einen Überblick davon, wie schlimm es um unsere Umwelt bestellt ist und auch warum wir mit diesen deprimierenden Fakten noch gar nicht umgehen können – oder wollen. Während seiner Vortragsreisen hat der Autor einen guten Eindruck davon bekommen, wie schwer es uns fällt, Komplexität in der Natur und deren Auswirkungen auf das eigene Leben zu verstehen.

Meine Rezension bezieht sich nicht auf das gebundene Buch, sondern das eBook. Die digitale Ausgabe ist gut lesbar und funktionell formatiert. Hier und da gibt es kleinere Schnitzer in der Textformatierung. Die Übersetzung aus dem Englischen von Sabine Hübner – die bereits frühere Werke von Dave übersetzt hat – scheint inhaltlich und formal richtig zu sein. Die englische Originalausgabe liegt mir nicht vor.

„Stumme Erde“ ist vielleicht nicht das beste Buch, das ich je gelesen habe, wohl aber eines der wichtigsten. Die Lektüre ist nur der Anfang; die Umsetzung der gewonnenen Einblicke und Anregungen wartet auf uns alle. Weitersagen!

15. März 2021
von Joerg Kilian
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Identitti

Wo kommst du her her her?

Diese Frage kann einem dort gestellt werden, wo man üblicherweise nicht zuhause ist. In der Fremde, von Fremden. Es ist nur eine von vielen Fragen nach Identität: Was machst du? Was bist du von Beruf? Wie bist du politisch orientiert? Welches Sternzeichen hast du? Welcher Religion gehörst du an? Bist du weiblich oder männlich oder dazwischen? Aber vor allem: Wo kommst du wirklich her? Die Fragen nach Herkunft, Rasse und Zugehörigkeit.

Diese Fragen werden in dem fulminanten Roman IDENTITTI von Mithu Melanie Sanyal in einer atemberaubenden und mitunter grotesken Geschichte aus allen Sichtwinkeln gestellt, beleuchtet und teilweise auch beantwortet. Die Autorin bewegt sich wortgewandt, oft ironisch humorvoll und mit intuitiver Treffsicherheit in den Debatten rund um Rassismus, Kolonialismus, Identitätspolitik und weiße Vorherrschaft.

„Das Post in Postkolonialismus bezieht sich auf die Konsequenzen aus dem Kolonialismus, nicht auf das Ende des Kolonialismus“

IDENTITTI
Mithu M. Sanyal
Roman
Gebundene Ausgabe EUR 22,00
ePub EUR 16,99
Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, 2021
Zweite Edition, 15. Februar 2021
432 Seiten
13,8 x 3,4 x 20,8 cm
ISBN 978-3-446-26921-7

Ich werde nicht auf die Handlung eingehen; das haben viele Andere vor mir schon besser dargestellt (siehe Rezensionslinks unten). Eher versuche ich, zu beschreiben, wie die Lektüre auf mich gewirkt hat und wie sie mich weiter beschäftigt. Schon bei der Vorstellung im Deutschlandfunk war ich wie elektrisiert, habe mir das Buch sofort besorgt und als ePub gelesen; auch das Lesen am Bildschirm für mich eine neue Erfahrung.

Mit 60+ gehöre ich sicherlich nicht zur Hauptleserschaft und hatte bei der Lektüre der Geschichte die in einem internationalen studentischen Mikrokosmos spielt, ein gewisses voyeuristisches Gefühl. Aber da ich biologischer Vater von zwei heranwachsenden Söhne bin, deren Mutter aus Asien kommt, hatte ich gedacht, mich mit mixed-races ein wenig auszukennen. Die Lektüre des Buches allerdings hat mich geradezu überwältigt …

„Sobald man anfing, über Identität nachzudenken, fächerte sich die Wirklichkeit in so viele Dimensionen auf, dass es keine richtigen Worte mehr für sie gab.“

Dieses ist nur eines von gefühlt Hunderten von Zitaten, von denen ich viele gelb markiert oder auch kopiert habe, weil sie so viele Aspekte von Wahrheiten beinhalten. Das Buch ist für mich Roman und essayistisches Sachbuch in Einem, „genreübergriffig“ im besten Sinne. Zwar gibt es keine Fußnoten, im Anhang jedoch detaillierte Quellennachweise für Zitate und weiterführende Literatur.

Unkonventionell und mit verblüffender Leichtigkeit jongliert die Autorin mit Sprache: Gedankenströme ohne Punkt und Komma, gewürzt mitcodierten Begriffen, Neologismen, durchgekoppelten Wortwürmern und Neuschöpfungen sprudeln nur so aus der Erzählerin heraus. Selbst in den depressivsten Stimmungen der Protagonistin leuchtet zwischen den Zeilen ein heiter optimitischer Hoffnungsschimmer. Man ahnt, dass am Ende alles gut wird.

„Vanessa sprach »Oma« »Omma« aus und »Mutter« »Mmuhtter«, deshalb hatte sich Nivedita ihr auf der Party — trotz Altbauwohnung mit ballsaalähnlichem Ausmaß und viel mehr Käsesorten auf dem Beistelltisch, als Nivedita benennen konnte — in einem Wir-Töchter-Essens-gegen-den-Rest-der-Welt-Reflex verbunden gefühlt, bis Vanessa ihre gesamte Aufmerksamkeit auf Simon und dessen Erfahrungen mit der Dreifaltigkeit konzentrierte.“

Nach einem Drittel der Lektüre wurde ich der vielen Dialoge und Diskussionen etwas müde, die sich in den komplizierten Beziehungen zwischen den Protagonistinnen ergaben. Stimmt: Männer kommen in dem Buch nur gelegentlich zu Wort! Soviel empfindsame Gefühligkeit war ich einfach nicht gewohnt. Den Widerstand zu überwinden hat sich jedoch gelohnt, denn die Lektüre ist immer gehaltvoll, unterhaltsam mit manch gutem plot twist.

„Sie schafft, dass es leicht wirkt, über Rassismus zu lachen — und dass alle natürlich mitlachen, weil Rassismus so absurd ist.“

Erst mein Sohn machte mich darauf aufmerksam, dass es biologisch gesehen gar keine menschlichen Rassen gibt, sondern dass Rassen nur ein soziales Konstrukt sind, ein Herrschaftsinstrument. Den meisten von uns ist nicht klar, welche gesellschaflichen Mechanismen bestimmte Gruppen ausgrenzen, trotz oft auch wegen der üblichen politischen Korrektheit.

Dieses Buch ist ein unglaublich positiver Augenöffner. Damit es noch mehr Menschen erreicht, würde ich mir den Stoff auf der Bühne inszeniert wünschen oder auch als verfilmte Miniserie. Der leise und versöhnliche Schlussakkord macht uns glauben, dass das urmenschliche Interesse aneinander, Anteilnahme und Empathie am Ende den Sieg erringen.

„Die Dinge und ebenso wir Menschen können das eine sein, ohne dadurch die Fähigkeit zu verlieren, auch etwas anderes zu sein.“

Die Autorin war mir eine riesige Hilfe die unterschiedlichen Aspekte von Identität zu verstehen und einzuordnen. Ich fühle mich reich beschenkt. Dank dieses Romans ist die Welt noch liebenswerter und transparenter geworden und obwohl ich mich schon immer ein wenig trans-race gefühlt habe, weiß ich endlich wie man das nennt!

„It’s not the meek that will inherit the earth, it’s the mixed that will inherit the earth.“

WEITERE REZENSIONEN

Buch-Haltung – Subjektive Buchkritik seit 2013

letteratura – Ein Literaturblog

Seitenhinweis – Ein Buch-Blog

11. Oktober 2017
von Joerg Kilian
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Die drei Sonnen

Wie man in den Wald hineinruft …

Eigentlich bin ich kein SF-Leser; dieses Buch hat mich jedoch vom ersten Moment an in seinen Bann geschlagen. Gerade von einem längeren China-Aufenthalt zurück, erfuhr ich von einem Bekannten am Telefon, dass er sich, einer Empfehlung der Süddeutschen Zeitung folgend, das Buch „Die drei Sonnen“ geholt und in einem Zug durchgelesen hätte. Und, obwohl auch er normalerweise kein Science Fiction liest, so fasziniert davon war, dass er sich gleich den zweiten Band der Trilogie auf englisch geholt hat, da die deutsche Fassung erst im Juni 2018 erscheinen soll. Noch bevor ich den Titel selbst in Händen hielt, erzählte mir ein guter Freund am nächsten Morgen beim Frühstück, dass er gerade einen tollen SF-Roman liest: „Die drei Sonnen“!

Die drei Sonnen: Roman
von Cixin Liu
aus dem Chinesischen von Martina Hasse
broschiert, 592 Seiten
Heyne Verlag; Auflage: Deutsche Erstausgabe (12. Dezember 2016)
ISBN-10: 3453317165
ISBN-13: 978-3453317161
Originaltitel: The Three Body Problem Trilogy Book 1 – Sanbuqu Santi
13,4 x 5 x 20,5 cm
EUR 14,99

Am Tag darauf Familientreffen. Ich frage meinen Bruder, der bei uns in der Familie der SF- und Phantasie-Spezialist ist… Er hatte das Buch selbstverständlich bereits gelesen. Ich konnte kaum noch erwarten, mit der Lektüre zu beginnen. Ein befreundeter chinesischer Physiker, dem ich gleich begeistert von dem Buch erzählte, hatte auch noch nie von Cixin Liu gehört, wusste aber nach kurzer Internetrecherche zu berichten, dass Präsident Obama das Buch als Urlaubslektüre gelesen und auch Marc Zuckerberg es in höchsten Tönen lobte. Auch Denis Scheck hat das Buch bereits besprochen und es als besten SF-Titel der letzten 30 Jahre bezeichnet.

Warum erzähl ich das Ganze? Weil bei mir, wie auch bei Ihnen vielleicht, die Sychronizitäten um eine Geschichte herum, eine bedeutende Rolle spielen. Ich lese eigentlich nur Bücher, die mich förmlich anspringen. Kollegen von mir haben in Länge und Breite die Hardfacts zu diesem Buch abgehandelt; ich möchte mich auf eher persönliche Eindrücke beschränken. Nicht ganz klar ist mir, warum diese Geschichte, die bereits 2006 in einem chinesischen SF-Magazin erschien, erst zehn Jahre später auf englisch und jetzt auf deutsch erscheint. Da wird in den kommenden Jahren wohl noch der eine oder andere literarische Schatz aus Fernost bei uns im Westen auftauchen … siehe Literaturnobelpreis.

Die einzigen SF-Romane, die ich in den vergangenen Jahren gelesen habe, sind „Limit“ von Frank Schätzing und „Amalthea“ von Neil Stephenson. Ähnlich wie „Die drei Sonnen“ sind diese Bücher sehr umfangreich, technogen und drehen sich um die zukünftige Existenz der Menschheit außerhalb unseres Heimatplaneten. Das vorliegende Buch geht in seinen Spekulationen allerdings viel weiter und bezieht die Gesamtheit unseres Handelns auf allen Ebenen ein. Nicht nur erstaunlich die gesellschaftspolitische Rückschau, sondern auch die konsequente Auseinandersetzung mit Astro- und Teilchenphysik in den Grenzbereichen zur Philosophie. Der Autor faltet für uns spielerisch das ganze Universum auch jenseits der Raum-Zeit auseinander. Man hat das Gefühl, durch das ganze Weltall zu blicken und nichts ist, wie wir es zu kennen meinen. Die zwölf Dimensionen von Burkhard Heim scheinen sichtbar zu werden.

Es geht in dem Buch um Spionage, Cyberkrieg, Computerspiele, VR und AR sowie Computer im – aber auch – aus(!) Menschen. Wir bekommen tiefe Einblicke in die chinesische Kultur und die jüngste chinesische Vergangenheit, die ein Großteil der Bevölkerung barfuß und hungernd erlebte. Humanistische Ideale und Umweltbewusstsein hinterfragen den Stellenwert von Wachstum und Wissenschaft – und damit die menschlichen Existenz: Pfeifen im Walde? Es geht ums Ganze, um einen extraterrestrischen Verrat an der Menschheit: Rettung oder Vernichtung? Dabei schafft es Cixin Liu mehrere zeitlich und räumlich scheinbar unabhängige Erzählstränge so zu verweben, dass fast magische Sphären entstehen, in denen alles möglich scheint.

Hier eine typische Passage: „Er erinnerte sich an ein Informatik-Seminar, dass er in seinem dritten Studienjahr besucht hatte. Der Professor hatte zwei große Bilder an die Wand gehängt. Das eine war die Qingming-Rolle, ein berühmtes und äußerst detailreiches Bild auf einer Querrolle aus der Song-Dynastie. Das andere ein Foto, das den nur blauen Himmel mit einem kleinen, kaum wahrnehmbaren Wolkenstreifen zeigte. Der Professor fragte sie, welches der beiden Bilder mehr Informationen enthalte. Es stellte sich heraus, dass der Informationsgehalt des Fotos den der Querrolle um ein bis zwei Größenordnungen übertraf. Sie zeigte reine Entropie.
Mit dem Spiel „Three Body“ verhielt es sich genauso. Ein Großteil seiner Informationen war an der Oberfläche nicht erkennbar. Wang Miao konnte es fühlen, aber nicht klar ausdrücken. Plötzlich wurde ihm bewusst, dass die Macher von „Three Body“ genau den umgekehrten Weg gegangen waren wie die Entwickler von anderen Spielen. Im allgemeinen ist ein Spieleentwickler darauf bedacht, die Menge an sichtbaren Informationen zu maximieren, damit sein Game möglichst realistisch wirkt. Die Entwickler von „Three Body“ dagegen hatten die sichtbaren Informationen an der Oberfläche nach Kräften reduziert, um die zu Grunde liegende komplexe Realität des Spiels zu verschleiern. So wie auf dieser Fotografie eines scheinbar leeren Himmels.“

Sprachlich ist der Roman eher einfach gehalten; kurze Sätze denen oft eine seltsame Poesie innewohnt. „Er ging zwischen den Kindern hindurch zu der Tür, auf die Ye Wenjie gedeutet hatte. Bevor er eintrat, blieb er stehen. Ein seltsames Gefühl hatte ihn ergriffen. Als befände er sich in einem Traum aus deiner Jugendzeit. Aus den Tiefen seiner Erinnerung tauchte eine prickelnde Empfindung auf – traurig, glitzernd wie Tauperlen am frühen Morgen, und zart rosa.“

Der Roman wird ergänzt durch einen Anhang mit Anmerkungen zu bestimmten Begrifflichkeiten und ein Nachwort des Autors, in dem er sehr authentisch schildert, wie das Buch entstanden ist und welche persönlichen Lebenserfahrungen eingeflossen sind. Ein besonderes Kompliment an Martina Hasse, der mit ihrem Übersetzungs-Marathon die Übertragung einer unglaublich schwierigen und komplexen Materie zu einer farbigen und schlüssigen Geschichte gelungen ist. Gerade wenn man bedenkt, dass es nicht nur darum geht, die Besonderheiten der chinesischen Kultur, sondern auch astro- und quantenphysikalische und philosophische Darstellungen verständlich ‘rüberzubringen. Chapeau!

Die Schrift ist sehr gut lesbar, die Bindung für ein Taschenbuch ganz exzellent. Fast 600 Seiten für schlappe EUR 14,99. Für dieses Buch hätte ich glatt das Dreifache gezahlt und freue mich schon auf die Fortsetzung der Trilogie: „Der Dunkle Wald“. Im Englischen ist der Titel unter dem Namen „The Dark Forrest“ bereits erschienen.

WEITERE REZENSIONEN

DRUCKFRISCH – Dennis Scheck

4. Oktober 2017
von Joerg Kilian
Keine Kommentare

Der verratene Himmel

Hand aufs Herz

Mal ehrlich: Hätte dieses Buch nicht fast ein Drittel schlanker sein können? Ich hätte nichts vermisst. Die größte Schwäche ist der verbale Ballast des Textes. Er ergeht sich in inhaltlichen Wiederholungen und unnötigen Ausschmückungen. Der Spagat zwischen populärwissenschaftlichen Darstellungen und Auszügen aus verschwörungstheoretischen Dokumenten ist nicht gelungen.

Der Autor schreibt an mehreren Textstellen, fast entschuldigend, dass er das Buch einem inneren Ruf folgend, spontan geschrieben hat und sich sein eigener Verstand mehrfach dagegen wehrte. Solche Autoabsolutionen gehören in den Prolog oder Epilog eines Buches aber nicht in den laufenden Text.

Der verratene Himmel:
Rückkehr nach Eden
von Dieter Broers
gebundene Ausgabe, 112 Seiten
Dieter Broers Verlag Ltd., 2014 (04.10.2014)
ISBN-10: 3950381406
ISBN-13: 978-3950381405
22,4 x 14,8 x 2,6 cm
EUR 19,99

Meine Erwartungen hat das Buch nicht erfüllt. Der Autor macht es nicht nur sich selbst schwer, sondern auch dem Leser, den umfangreichen und ohnehin sperrigen Stoff bis zum Ende aufzunehmen. Das letzte Drittel des Buches ist eigentlich nur für hartgesottene Esoteriker verdaulich. Der Rest des Buches ergibt allerdings ganzheitlich einen Sinn.

Dabei geht es so gut los! Titel und Cover sind so liebevoll gestaltet und vielversprechend. Die serifenlose Schrift ist auch bei wenig Licht noch gut lesbar, das Papier ist griffig und der Buchblock mit Lesebändchen ausgestattet. Die ersten Kapitel sind der Erkundung der physiologischen und psychologischen Grundlagen des Menschseins gewidmet.

Hier finde ich Vieles wieder, was mir auch an anderen Quellen zugeflossen ist: Von der Weltschau eines Krishnamurti bis zu den multidimensionalen Universen Burkhard Heims, eines verkannten deutschen Pysikers, den ich sehr verehre. Folgen kann ich auch der offensichtlichen Entwicklung unserer Gesellschaften von einem Gemeinsinn hin zur alleinigen Geltung des Egos, der damit verbundene ethische Verfall und der Verlust des göttlichen Selbst.

Auch ich sehe das System, ein Muster, eine Matrix der zunehmenden Fremdsteuerung der Menschen. Nur indirekt angesprochen wird in dem Buch die Rolle, die den Medien und den kapitalitischen Wirtschaftskräften dabei zukommt. Denn – und hier fängt mein Verstand an sich auszuklinken – der Autor beginnt nun mit Beweisführungen, als Quellen uralte gnostische Texte aus Ägypten heranzuziehen, in denen von mutmaßlich außerirdischen nichtkörperlichen Wesensheiten die Rede ist, die seit Jahrtausenden versuchen, uns ein „X für ein U“ vorzumachen, in dem sie uns die Welt durch eine Art Zerrbrille betrachten lassen, die alles in sein offensichtliches Gegenteil verkehrt.

Selbst wenn dies alles inhaltlich richtig sein sollte, gelingt es dem Text – trotz der einpeitschenden Wiederholungen – nicht überzeugend genug zu sein, um den verquasten Schlüssen zu folgen. Gegen Ende des Buches fällt für mich vieles, was am Anfang noch verstanden wurde, auseinander.

Der Leser wird allein gelassen mit dem Fazit, dass nur die Entdeckung des eigenen göttlichen Selbst eine Rettung vor der Matrix sein wird: Das Rendevouz mit uns selbst, die Entdeckung der wahren Liebe. Die einzigen konkreten Ratschläge für eine „Rückkehr nach Eden“ bestehen in Tipps zu Meditationen und der Einnahme psychoaktiver Substanzen, die einen erkennen lassen, wie die Welt wirklich ist und wohin unser Weg führt.

13. September 2017
von Joerg Kilian
Keine Kommentare

Evolution ohne uns

Menschen vergessen, Festplatten nicht
Menschen fühlen, Maschinen nicht!

Das Buch ist Ergebnis einer mehr als zweijährigen Investigativrecherche zum Thema Künstliche Intelligenz. Ausschnitte daraus erschienen bereits vorab in Cicero, im Playboy und in der Welt am Sonntag. Eher zufällig kam es in den Stapel meiner Rezensionen, nachdem meine Frau es bei einer Buchvorstellung vom Autor geschenkt bekam und mir berichtete, dass es bald auf Chinesisch erscheinen wird: Also global relevanter Lesestoff, der mich sofort anzog. Außerdem liegt es wischen zwei anderen Bücher mit ähnlichem thematischem Querschnitt die ich gerade lese: Ein Science Fiction-Roman und eine eher esoterische Abhandlung. In allen geht es um nicht weniger als das Überleben der Menschheit.

Evolution ohne uns
Wird künstliche Intelligenz uns töten?
von Jay Tuck
gebundene Ausgabe, 336 Seiten
Plassen Verlag, Auflage: 1 (10. August 2016)
ISBN-10: 3864704014
ISBN-13: 978-3864704017
14,4 x 3,5 x 22,1 cm
EUR 19,99

Der Autor Jay Tuck ist US-Sicherheitsexperte, Journalist, Fernsehproduzent, Buchautor, Werbesprecher und Vortragsredner. In seinen 35 Jahren beim deutschen Fernsehen war Tuck investigativer Reporter für den NDR und WDR, Kriegsberichterstatter der Tagesschau und leitender Redakteur derTagesthemen. Heute produziert er weiterhin Sendungen und Technologiemagazine für das deutsche Fernsehen, den National Geographic Channel und Al Jazeera. Als anerkannter US-Kriegsdienstverweigerer zog er 1969 nach Deutschland, wo er während des Vietnamkrieges zwei Jahre lang einen zivilen Ersatzdienst in der Jugendarbeit in Hamburg ableistete. Heute lebt er mit seiner Frau und seinen drei Kindern ebenda.

Spannend ist der Stoff von der ersten bis zur letzten Seite. Anhand von Meldungen und Berichten aus den vergangenen zwei Jahrzehnten und deren detaillierter Darstellung werden einem Schritt für Schritt die Augen geöffnet für ein großes Bild, das sich immer deutlicher abzeichnet: Der Gefahr, dass unsere Spezies von einer selbst geschaffenen allumfassenden global-vernetzten künstlichen Intelligenz bedroht wird. Die hochaktuellen Beispiele reichen von Abhöraktionen, Big Data, Cyberwar, Data Fusion, Drohnen- und Mikrowaffen, Handyüberwachung bis hin zu Smart Home und Smart City; dem bald in allen unseren Lebensbereichen agierendem Internet der Dinge.

Eine künstliche Intelligenz, uns um ein Vielfaches überlegen, ist nicht mit ethischen Grundsätzen ausgestattet. Sie wurde für andere Zwecke geschaffen. Ihr Ziele lauten: Effizienz, Geschwindigkeit, Wachstum, Exzellenz – ganz ohne moralische Bedenken. Diese Tatsache kann schnell zu einer unkontrollierbaren Katastrophe führen, die die gesamte Menscheit auslöscht. Viele kluge und wichtige Köpfe wie Stephen Hawking und Elon Musk warnen seit Jahren davor.

Der Autor lässt uns gegen Ende des Buches allerdings nicht allein mit dem Bild der Bedrohung; er nennt eine ganze Reihe von Maßnahmen, die wir ergreifen können. Nicht nur als Einzelne, sondern als Gemeinschaft. Auf nationaler Ebene, in der EU, in den Vereinten Nationen, in Wissenschaftsgremien und vor allem im Verbund des Internet. Aber Vorsicht; die künstliche Intelligenz lauert überall!

Dass hier ein versierter Journalist am Werk war, wird schon nach den ersten Sätzen deutlich. Der Autor schafft es mit einfachen Worten, in relativ kurzen Sätzen und spannender Erzählstruktur das doch sehr komplexe Thema allgemeinverständlich rüberzubringen. An einigen Stellen wirken jedoch Alliterationen und mantrenhaftes Frage- und Antwortspiel ein wenig manieristisch. Häufige Wiederholungen von Inhalten geben den Eindruck, dass hier etwas eingetrichtert oder eingehämmert werden soll. Auch ohne inhaltliche und stilitische Einbußen hätte der Stoff auf 280 Seiten reduziert werden können.

Die gewählte Schrift ist sehr gut lesbar, der Einband funktionell, allerdings ohne Lesebändchen. Die Kapitel sind mit Unterkapiteln gut strukturiert. Inhaltlich fehlt es an Nichts zu diesem umfassenden Themenkomplex. Eine gute Ergänzung sind die Änhänge: Beispiele von Dialogen mit Künstlicher Intelligenz, Liste von Facebooks Gender-Bezeichnungen, Beispiele von Überwachungs-Tools, Tarnkleidung gegen Drohnenortung, die Google-Verfassung, einen offenen Brief globaler KI-Gegner sowie mehrere farbige Fotos.

Ich halte das Buch für das derzeit wichtigste deutschsprachige populär-wissenschaftliche Werk zum Thema Künstliche Intelligenz und kann es wärmstens empfehlen. Trotzdem rate ich es nur dann zu lesen, wenn man „gut drauf ist“. Bei mir hat es bisweilen depressive Stimmungen ausgelöst.

6. September 2017
von Joerg Kilian
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Lost in Translation

Kunterbuntes Multikulti-Wörterbilderbuch

Ein guter Titel, der an einen bekannten Film anknüpft, ist schon mal eine gute Voraussetzung für den Erfolg eines Produktes. Hier handelt es sich eindeutig nicht um ein literarisches Werk, sondern um den Versuch einer interessanten Sammlung von Wörtern verschiedener Sprachen, die so eigenwillig einer bestimmten Kultur zugeordnet sind, dass sie sich in anderen Sprachen nur umschreiben oder erklären lassen.

Lost in Translation
Unübersetzbare Wörter aus der ganzen Welt
Ella Frances Sanders
aus dem Englischen von Marion Herbert
gebundene Ausgabe, 112 Seiten
DuMont, 2017
ISBN-10: 3832198490
ISBN-13: 978-3832198497
Originaltitel: Lost In Translation. An Illustrated Compedium of Untranslatable Words from Around the World
17 x 1,5 x 19,2 cm
EUR 18,-

Da das Buch die deutsche Übersetzung des englischsprachigen Originals von Ella Frances Sanders ist, können wichtige Konnotationen bereits bei der „Translation“ ins Deutsche verloren gegangen sein. Dies kann ich nicht beurteilen, da mir das Buch nicht vorliegt. Beurteilen kann ich allerdings die Erklärung zu den Begriffen von Sprachen, derer ich mächtig bin; beispielsweise Norwegisch.

Das norwegische Wort „forelsket“ bedeutet übrigens nichts anderes als das deutsche Wort „verliebt“. Hier zeigt sich die Schwäche der Übertragung eines Buches von einem Sprachraum (Englisch) in einen anderen (Deutsch). Im englischsprachigen Original ergibt die Erklärung des norwegischen Wortes einen Sinn, da es im Englischen keine griffige Entsprechung (being in love) für das Adjektiv „verliebt“ gibt.

Englische Sprachen wie US-Amerikanisch, Irisch, Schottisch, australisches- und kanadisches Englisch sind komplett unterschlagen, was wahrscheinlich dem englischsprachigen Original zu schulden ist; obwohl es in diese Sprachräume auch unglaublich interessante lokale und regionale Wortschöpfungen zu bieten haben.

Ich hätte mir auch ansonsten eine größere Sprachenvielfalt gewünscht. Einige Sprachen wie Ungarisch, Kroatisch, Litauisch, Estnisch, Philippinisch, Thai und Chinesisch tauchen gar nicht auf, andere wie Norwegisch, Schwedisch, Arabisch, und Japanisch immer wieder. Am Ende des Büchleins gibt es eine eigene Abteilung von deutschen Wörtern wie „Kabelsalat“. Das deutsche Wort „Waldeinsamkeit“ wird zwar Heinrich Heine zugeschrieben, hat seine Wurzeln jedoch in spirituellen Mönchspraktiken des Buddhismus und Hinduismus. Hätte mir doch mal jemand die Einzigartigkeit des urdeutschen Begriffs „Heimat“ erklärt!

Das Layout und Design, sowie die durchaus gelungenen Illustrationen in dem Büchlein sind die halbe Miete. Allerdings ist die handschriftliche Typografie an manchen Stellen eine Zumutung. Das Lesen des Vorworts in kleiner dünner weißer Schrift auf hellblauem Fond bedarf einiger Überwindung (siehe Foto). Aber wer liest schon ein Vorwort; außer den Rezensenten!

Durchgeblättert hat man die 112 Seiten in wenigen kurzweiligen Momenten. Geeignet ist das gebundene Buch in seinem handlichen Format als Verlegenheits-Mitbringsel. Allerdings nur, wenn man nicht so genau auf’s Geld achten muss: Mit EUR 18 ist es eindeutig überteuert.

Richtig geärgert hat mich, dass an zwei Stellen des Buches der Buchblock beim Beschneiden nicht richtig ausgerichtet war, so dass jeweils zwei Seiten mit einer Art Eselsohr zusammenhängen (siehe Fotos). Ich werde das jetzt nicht mit der Schere auseinander schneiden, sondern zum Buchhandel gehen und mir ein anderes Exemplar geben lassen …

24. Mai 2017
von Joerg Kilian
Keine Kommentare

Wie die Steeple Sinderby Wanderers den Pokal holten

Es geht immer noch was!

Gerade eben habe ich das Buch zugeschlagen. Ich habe an vielen Stellen herzlich lachen müssen und am Ende flossen die Tränen. Das können Sie mir glauben! Man muss sich überhaupt gar nicht für Fußball interessieren, um von den Geschehnissen rund um diese Dorfgemeinschaft im tiefsten Mittelengland der 1970er Jahre in den Bann gezogen zu werden. Nun gut, es schadet wiederum nicht ein Fußball-Fan oder -Spieler zu sein, denn hier wird ein Sport geschildert, so wie er heute wohl kaum noch zu finden ist.
Denn die Mannschaft, die sich hier im Laufe der Geschichte formiert, ist alles andere als professionell im heutige Sinne. Es ist zwar ein abgehalfterter ehemaliger Profi darunter, jedoch macht den Unterschied aus, dass die Protagonisten es nicht für das liebe Geld tun, sondern für die Ehre ihres Dorfes. Und dafür werden alle, aber wirklich alle Hebel in Bewegung gesetzt … bis zum erhofften großen Erfolg.

Wie die Steeple Sinderby Wanderers den Pokal holten
J.L. Carr
aus dem Englischen von Monika Köpfer
gebundene Ausgabe, 192 Seiten
DuMont, 2017
ISBN-10: 3832198547
ISBN-13: 978-3832198541
Originaltitel: How Steeple Sinderby Wanderers won the FA Cup
12,5 x 2,2 x 20,5 cm
EUR 20,-

Da Montag gerade der Terroranschlag in Manchester verübt wurde, bei dem viele Konzertbesucher, vor allem Kinder und Jugendliche ums Leben kamen, zitiere ich einen Taxifahrer, der wie viele andere, nach der Explosion kostenfrei Überlebende in Sicherheit brachte: „Wir sind wie Leim. Wir halten zusammen wenn es zählt.“ Genau dieser Geist wird auch in dem Buch J.L. Carrs an vielen Stellen deutlich. Wer sich dieser, teils amüsanten, teils schwermütig-melancholischen und dann wieder schenkelklopfend-urkomischen Erzählung entziehen kann, ist selbst Schuld ein kleines Stück Weltliteratur zu verpassen.

Ich könnte jetzt eine kurze Inhaltsangabe schreiben und viele typische Textstellen aus dem Buch zitieren, um diese Rezension anzureichern. Doch das lesen Sie vielleicht besser bei anderern Rezensenten, die das ausführlicher machen. Mit auf den Weg geben möchte ich Ihnen nur die Regel Nr. 1, die der Vordenker und strategische Lenker dieses ungewöhnlichen Erfolgs, der gebürtige Ungar und Doktor der Philosophie Dr. Kossuth seinen „Recken“ mit auf den Weg gibt: „Man kann den Ball ohne Weiteres spielen, ohne auf seine Füße zu schauen. Frauen müssen beim Stricken auch nicht auf ihre Hände gucken.“

Mir hat dieses Buch fast besser gefallen als „Ein Monat auf dem Land“ vom gleichen Autor, das ich im vergangenen Herbst das Vergnügen hatte zu lesen. Fast unnötig zu sagen, dass auch in dem vorliegenden Büchlein von 190 Seiten die Sprache zwar verständlich einfach und doch vielseitigst wortgewaltig und filigran ist. Der Übersetzerin Monika Köpfer ist es gelungen, das englische Original so treffsicher zu übersetzen, dass von der typisch britischen Atmosphäre, dem scharfen Wortwitz aber auch der Wehmut gar nichts verloren geht.

3. Mai 2017
von Joerg Kilian
Keine Kommentare

Birthday Girl

Wünsch dir was!

Die mysteriösen Geschichte einer Kellnerin, die ausgerechnet an ihrem Geburtstag, ganz unerwartet einen Kollegen vertreten muss und dabei Gelegenheit bekommt, den uralten und sonst unsichtbaren Besitzer des Hotels und italienischen Restaurants kennen zu lernen und von ihm mit bsonderer Aufmerksamkeit bedacht zu werden, nämlich einen wie auch immer gearteten Wunsch zu äußern, den der alte Mann ihr erfüllen wird.

Birthday Girl
Haruki Murakami
Illustrationen von Kat Menschik
aus dem Japanischen von Ursula Gräfe
gebundene Ausgabe, 80 Seiten
DuMont, 2016
ISBN-10: 383219858X
ISBN-13: 978-3832198589
Originaltitel: Basudei-garu
14,3 x 1,2 x 21,3 cm
EUR 16,-

Ein Büchlein über das Wünschen. Eine Parabel, die um die Tatsache kreist, dass auch wenn einem alle Wünsche erfüllt werden, man nie mehr werden kann als man ist. Die vielen Illustrationen sind jeweils ganzseitig dem Text gegenübergestellt. Angelegt in dem typischen Stil der Illustratorin, der an die Siebdrucke der Pop-Kultur der 70er Jahre erinnert; einfarbige Flächen und Linien werden collageartige ineinander verschränkt.
Am besten hat mir die Illustration auf Seite 32 gefallen (siehe Foto).

Von allen Büchern, die Murakami von Kat Menschik illustrieren ließ, meiner Meinung nach das Beste. Mag es an der Geschichte selbst liegen, an den zauberhaften Illustrationen in rot, rosa und orange. Besonders gefallen hat mir auch der Epilog, in dem Murakami über seinen eigene Geburtstag sinniert sowie über seine Bewunderung für und Verbundenheit mit dem amerikanischen Schriftsteller Jack London, der am gleichen Tag wie Murakami Geburtstag hatte.

Ein bibliophiles Kleinod und nettes Mitbringsel für Menschen, die nicht viel Text brauchen um glücklich zu werden. Wie auch die anderen Bilderbücher Murakamis jedoch keine Lektüre um das Werk des Autors kennen zu lernen. Seine Romane sind nochmal wieder eine ganz andere Geschichte.

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