DREAMBOOK

Buchbesprechungen – keine Verrisse …

Identitti

Wo kommst du her her her?

Diese Frage kann einem dort gestellt werden, wo man üblicherweise nicht zuhause ist. In der Fremde, von Fremden. Es ist nur eine von vielen Fragen nach Identität: Was machst du? Was bist du von Beruf? Wie bist du politisch orientiert? Welches Sternzeichen hast du? Welcher Religion gehörst du an? Bist du weiblich oder männlich oder dazwischen? Aber vor allem: Wo kommst du wirklich her? Die Fragen nach Herkunft, Rasse und Zugehörigkeit.

Diese Fragen werden in dem fulminanten Roman IDENTITTI von Mithu Melanie Sanyal in einer atemberaubenden und mitunter grotesken Geschichte aus allen Sichtwinkeln gestellt, beleuchtet und teilweise auch beantwortet. Die Autorin bewegt sich wortgewandt, oft ironisch humorvoll und mit intuitiver Treffsicherheit in den Debatten rund um Rassismus, Kolonialismus, Identitätspolitik und weiße Vorherrschaft.

„Das Post in Postkolonialismus bezieht sich auf die Konsequenzen aus dem Kolonialismus, nicht auf das Ende des Kolonialismus“

IDENTITTI
Mithu M. Sanyal
Roman
Gebundene Ausgabe EUR 22,00
ePub EUR 16,99
Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, 2021
Zweite Edition, 15. Februar 2021
432 Seiten
13,8 x 3,4 x 20,8 cm
ISBN 978-3-446-26921-7

Ich werde nicht auf die Handlung eingehen; das haben viele Andere vor mir schon besser dargestellt (siehe Rezensionslinks unten). Eher versuche ich, zu beschreiben, wie die Lektüre auf mich gewirkt hat und wie sie mich weiter beschäftigt. Schon bei der Vorstellung im Deutschlandfunk war ich wie elektrisiert, habe mir das Buch sofort besorgt und als ePub gelesen; auch das Lesen am Bildschirm für mich eine neue Erfahrung.

Mit 60+ gehöre ich sicherlich nicht zur Hauptleserschaft und hatte bei der Lektüre der Geschichte die in einem internationalen studentischen Mikrokosmos spielt, ein gewisses voyeuristisches Gefühl. Aber da ich biologischer Vater von zwei heranwachsenden Söhne bin, deren Mutter aus Asien kommt, hatte ich gedacht, mich mit mixed-races ein wenig auszukennen. Die Lektüre des Buches allerdings hat mich geradezu überwältigt …

„Sobald man anfing, über Identität nachzudenken, fächerte sich die Wirklichkeit in so viele Dimensionen auf, dass es keine richtigen Worte mehr für sie gab.“

Dieses ist nur eines von gefühlt Hunderten von Zitaten, von denen ich viele gelb markiert oder auch kopiert habe, weil sie so viele Aspekte von Wahrheiten beinhalten. Das Buch ist für mich Roman und essayistisches Sachbuch in Einem, „genreübergriffig“ im besten Sinne. Zwar gibt es keine Fußnoten, im Anhang jedoch detaillierte Quellennachweise für Zitate und weiterführende Literatur.

Unkonventionell und mit verblüffender Leichtigkeit jongliert die Autorin mit Sprache: Gedankenströme ohne Punkt und Komma, gewürzt mitcodierten Begriffen, Neologismen, durchgekoppelten Wortwürmern und Neuschöpfungen sprudeln nur so aus der Erzählerin heraus. Selbst in den depressivsten Stimmungen der Protagonistin leuchtet zwischen den Zeilen ein heiter optimitischer Hoffnungsschimmer. Man ahnt, dass am Ende alles gut wird.

„Vanessa sprach »Oma« »Omma« aus und »Mutter« »Mmuhtter«, deshalb hatte sich Nivedita ihr auf der Party — trotz Altbauwohnung mit ballsaalähnlichem Ausmaß und viel mehr Käsesorten auf dem Beistelltisch, als Nivedita benennen konnte — in einem Wir-Töchter-Essens-gegen-den-Rest-der-Welt-Reflex verbunden gefühlt, bis Vanessa ihre gesamte Aufmerksamkeit auf Simon und dessen Erfahrungen mit der Dreifaltigkeit konzentrierte.“

Nach einem Drittel der Lektüre wurde ich der vielen Dialoge und Diskussionen etwas müde, die sich in den komplizierten Beziehungen zwischen den Protagonistinnen ergaben. Stimmt: Männer kommen in dem Buch nur gelegentlich zu Wort! Soviel empfindsame Gefühligkeit war ich einfach nicht gewohnt. Den Widerstand zu überwinden hat sich jedoch gelohnt, denn die Lektüre ist immer gehaltvoll, unterhaltsam mit manch gutem plot twist.

„Sie schafft, dass es leicht wirkt, über Rassismus zu lachen — und dass alle natürlich mitlachen, weil Rassismus so absurd ist.“

Erst mein Sohn machte mich darauf aufmerksam, dass es biologisch gesehen gar keine menschlichen Rassen gibt, sondern dass Rassen nur ein soziales Konstrukt sind, ein Herrschaftsinstrument. Den meisten von uns ist nicht klar, welche gesellschaflichen Mechanismen bestimmte Gruppen ausgrenzen, trotz oft auch wegen der üblichen politischen Korrektheit.

Dieses Buch ist ein unglaublich positiver Augenöffner. Damit es noch mehr Menschen erreicht, würde ich mir den Stoff auf der Bühne inszeniert wünschen oder auch als verfilmte Miniserie. Der leise und versöhnliche Schlussakkord macht uns glauben, dass das urmenschliche Interesse aneinander, Anteilnahme und Empathie am Ende den Sieg erringen.

„Die Dinge und ebenso wir Menschen können das eine sein, ohne dadurch die Fähigkeit zu verlieren, auch etwas anderes zu sein.“

Die Autorin war mir eine riesige Hilfe die unterschiedlichen Aspekte von Identität zu verstehen und einzuordnen. Ich fühle mich reich beschenkt. Dank dieses Romans ist die Welt noch liebenswerter und transparenter geworden und obwohl ich mich schon immer ein wenig trans-race gefühlt habe, weiß ich endlich wie man das nennt!

„It’s not the meek that will inherit the earth, it’s the mixed that will inherit the earth.“

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Buch-Haltung – Subjektive Buchkritik seit 2013

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