DREAMBOOK

Buchbesprechungen – keine Verrisse …

Altern

Der Pfeil fliegt

Das von mir an einem langen Sonntagnachmittag im aprilhaften Juni durchgelesene, physisch etwas dünn geratene, aber inhaltlich gehaltvolle, lebenskluge Büchlein, ist ein literarisches Schatzkästchen. Meist im Plauderton schreibend, streckenweise vor Optimismus sprühend, betrachtet die Autorin ihr Leben in der Rückschau, verweilt im Hier und Jetzt und sinniert über das was noch kommen mag.

Altern – Alle wollen alt werden, niemand will es sein. Ist das nicht absurd?
Essay von Elke Heidenreich
Hanser Berlin, Berlin 2024
Gebunden, 112 Seiten
ISBN 978-3446279643
12,7 x 1,7 x 20,4 cm
EUR 20,-
Hörbuch EUR 9,-

„Aus der Summe der glücklichen Augenblicke setzt sich das Glück des Lebens zusammen.“

Elke Heidenreich, die „grande Dame“ der deutschen Literatur, brauch ich nicht vorzustellen. Man kennt sie aus Fernsehsendungen und Talkshows. Auch in diesem Buch schreibt sie so, wie sie spricht – und wahrscheinlich auch denkt. Der Text geht mir sehr nah; auch wenn mich noch vierzehn Jahre von ihrem Alter trennen, beschäftigt mich das Thema seit Jahren. Auch im Alter von Achtzig sieht die Autorin das halb volle Glas, wie auch das halb geleerte.

„Die Kunst des Lebens besteht darin, jung zu sterben, das aber so spät wie möglich.“

Über das Altwerden haben bereits Einige geschrieben. Vieles davon taucht hier wieder auf: philosophische Erkenntnisse, Aphorismen, Gedichte, Dialogfetzen aus Romanen, Theaterstücken, vom Film, aus der Oper – von Albert Einstein bis Robert Walser, von Elias Canetti bis Julian Green, von Goethe bis Martenstein:

„Wir Alten sind im Vorteil: wir wissen wie es ist, jung zu sein.“

Die vielen Aspekte des Alterns im gesellschaftlichen Kontext werden ebenso beleuchtet, wie die persönlichen, die durch die Beziehungen zu anderen Menschen geprägt sind. Das soziale Umfeld, das Land in dem wir leben, das von den Eltern überlieferte, unsere Gesundheit und Physis; vor allem aber auch unsere finanzielle Situation. Die Geschlechter werden beim Älterwerden unterschiedlich gesehen und behandelt. Alterseinsamkeit trifft Männer viel häufiger und schwerer.

„Ganz andere Leben haben auch ganz andere Alter.“

Dem Altern steht das Jungsein gegenüber, die Zeit der ungestümen Torheiten. Älteren Menschen wird nicht mehr so viel zugetraut, wie jüngeren. Auch mit der Altersverachtung rechnet die Autorin ab: Wir sollen die Generation sein, die es verkackt hat? Schiebt uns alten nicht die Schuld an allem zu. Kapiert es bitte: Wir sind nicht mehr zuständig!

„Ganz und gar verboten im Alter ist das große Aufbäumen.“

Das kann doch noch nicht alles gewesen sein. Doch, das war’s. Damit sollte man sich enstpannt abfinden. Was dann noch bleibt: sich Zeit für Herzenssachen nehmen, in Erinnerungen leben, sich von Dingen trennen, sich von Menschen verabschieden und schlussendlich die Überlegung, was ist, wenn das alles zu ende geht. Alles in allem eine tröstliche, eine heitere Lektüre.

„Man sollte einfach nur atmen und dankbar sein.“

Werde auch ich sein wollen…

Hanser Literaturverlage

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